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Mittags denke ich plötzlich daran, daß gestern
Nacht eine Freundin aufgewacht ist, nicht wieder eingeschlafen. Über
den Hof fahren gespenstisch Kinderfahrräder, und hinter einer halbhohen
Mauer höre ich die Kinder lachen, so fern, als hätten sie aus
ihrem Tod den Rädern zu fahren befohlen. Im Keller stehen Umzugskisten,
ein Handschuh liegt daneben im Staub, achlos Fußspuren darüber
hinweg. Was, wenn man alle Handschuhe zugeschickt bekäme, die man
je verloren hat? Im letzten Winter, als alles gefror, hat eine Nachbarin
ihre Zimmerpflanzen in den Hof gestellt. Jetzt zündet sie manchmal
in der Küche eine Kerze an und stellt sie ans Fenster, und ich frage
mich, warum die Flamme so unruhig flackert, obwohl das Fenster doch geschlossen
ist. Einmal werden die Schwalben und Mauersegler mitten im Winter kommen,
für einen Tag. Den ganzen Tag schon beobachte ich die Schatten im
Zimmer, suche lange nach einer Schere, als sollte ich Teile meines Lebens
ausschneiden, und nur der große Umschlag, nichts als eine Briefmarke
darauf, beruhigt mich.
Wie Papierschnipsel zerschneidet die Stille mein Gesicht.
Was, wenn gerade jetzt Zeit wäre, ein Fest zu feiern, und keiner
wüßte es? schreibt mir ein Freund; ich sehe seinen besorgten
Blick vor mir und lache, lache, als wäre er schon unterwegs, müßte
gleich kommen.
Auf der Straße geht ein Mann, anderthalb Meter groß,
schwenkt eine Zeitung wie ein Segel, in der anderen Hand trägt er
einen blauen Hut und mitten am Tag erschrecke ich, stelle mir vor, es
wäre eine Woche vergangen, ich hätte es nicht bemerkt. Wie Papier
zerschneiden die Tage das Gesicht, und es ist gut zu wissen, daß
das Herz ein Muskel ist, und daß man geduldig zusehen kann, wie
die blauen Flecken auf den Armen, den Beinen blaß werden, die Narben
nicht zählen muß und nicht das Stolpern, die Stürze, daß
letztlich nur selten ein Unglück geschieht.
Ich erinnere mich, sage ich, schlafe ein mitten am Tag, als wäre
der Kopf eine Uhr, als wäre die Zeit eine Entfernung, die es zurückzulegen
gilt, und nicht einmal die kürzeste zwischen zwei Punkten. Als wäre
die Zeit auch jetzt noch der Weg vom Dorfrand bis zu den Drei Seen, der
Weg vom Haus zur Schule, vorbei am Wasserhäuschen und durch die Unterführung
hindurch, später das Warten an der Haltestelle; wir legen Münzen
auf die Schienen und bangen, die Straßenbahn könnte doch einmal
entgleisen, und auch den Toten legt man ein Geldstück in den Mund
zur Überfahrt.
Gestern nacht ist eine Freundin aufgewacht, nicht wieder
eingeschlafen, schließlich ist sie aufgestanden. Fast jede Nacht
tut ein Freund kein Auge zu, liegt wach mit offenen Augen, und das Warten
ist die kürzeste Strecke zwischen den äußersten Punkten,
die sich langsam und unaufhörlich auseinanderdriften im All.
Morgens sitze ich da, die Finger auf der Schreibtischplatte,
alle zehn Finger und blind, schreibe nichts auf, folge der Maserung des
Holzes und höre im Radio sagen, der Nebel würde sich lichten.
Über den Hof eilt der Briefträger, dann steht er still, hält
überrascht einen Umschlag in der Hand, zuckt mit den Achseln und
legt ihn vorsichtig auf den Gepäckträger meines Fahrrads. Ich
gehe hinunter; ein großer Umschlag, nichts als eine Briefmarke darauf,
in einer anderen Stadt gestern gestempelt und leer. Es war ein langer
Tag, werde ich am Abend denken, und gestern nacht ist eine Freundin aufgewacht,
hat lange geweint, ist schließlich aufgestanden, um niemanden zu
stören. Als es dunkel ist, treibt der Wind den Nebel aus der Stadt,
und im Hof nebenan sehe ich drei kleine Kinder in roten Jacken auf ihren
Fahrrädern im Kreis fahren.
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