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Nachts hängt im Treppenhaus eine Spinne, taumelt an
ihrem Faden auf Höhe meines Mundes, vorsichtig gehe ich vorbei, Fußabstreifer
vor den Türen vier Stockwerke lang, und durch die Fenster kalte Luft,
davor das zitternde Gestrüpp des Knöterichs, in der Hand die
Schlüssel. Ein Hund könnte jetzt bellen, das Licht angehen im
Nachbarhaus, manchmal höre ich laute Schritte von der Straße,
einen Schrei, laufe zum Fenster, lausche; dann klirren Steinchen, Autotüren
schlagen zu, oft ist es der Wind, der mich täuscht, derselbe Wind,
der im Juni den Geruch blühender Bäume bis in den Hof bläst.
An die Tage denke ich, an denen ich das Fenster offen stehen lasse, an
warme Nächte und daran, daß ich die Morgendämmerung abwarten
werde; lange ist es nicht mehr hin.
Nicht länger als bis zu einem Abschied, der ein Jahr
zurückliegt oder länger, nicht ferner als hölzerne Puppen,
die klappernd ein Holzgestell hinunterturnen, und plötzlich freue
ich mich, daß sie nicht aufschlagen, sich nie den Hals brechen und
keinen Schaden leiden. Die schweren Äste des Weinstocks gegenüber
sind abgebrochen in diesem Winter. Seit ich hier bin, ist er tot, ein
Winter war sehr kalt, der erste Winter, seither habe ich gelernt, die
Kälte zu fürchten, die Wasserrohrbrüche, den eisigen Wind,
der dieses Jahr einstweilen ausbleibt. Ein milder Winter, sagt mir der
Obstverkäufer freundlich und zeigt auf eine Kiste mit Äpfeln
draußen in der Sonne, und ich frage mich, ob es wohl Zeit ist, die
Furcht zu lassen.
Ein milder Winter, sage ich nachts, und die Bäume,
die zu früh knospen, müssen nicht Schaden nehmen in einem späten
Kälteeinbruch, es soll vorkommen, daß der Winter ausbleibt,
eine unverdiente Freundlichkeit, und ich frage mich, woher in gerade diesem
Jahr solche Traurigkeit? Die Sterne sind ebenso hell wie die Lichter der
Flugzeuge oder umgekehrt. Vielleicht wäre es gut, nachts wach zu
bleiben, schon werden die Tage länger, ich möchte sagen: wartet
noch. Und auch im Sommer friert man zuweilen.
In der U-Bahn nebeneinander die Füße, die Schuhe,
dicke Sohlen, Beine übereinandergeschlagen, die Muster der Sohlen,
gefederte Räume unterm Fuß, leichte Schritte, daneben das plumpe
Schuhwerk einer alten Frau, unsicher unter dem schweren Leib und einem
großen männlichen Gesicht.
Diesen Winter warte ich nicht, nicht auf den Sommer und auf nichts anderes.
Der Winter ist ein sicheres Versteck, denke ich, und daß die Traurigkeit
des Abschieds leichter ist als Wünsche, die ausbleiben, und ich wünsche
mir das große, männliche Gesicht der alten Frau, einen leichten
Körper dazu, flüchtige Schritte, während meine Hände
müde sind und zärtlich, als berührten sie einen Schläfer,
der leise spricht in seinem Schlaf.
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