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Die Dachziegel glänzen, in der Spiegelung einer
Fensterscheibe sehe ich, wie eine Frau das Bettzeug ausschüttelt,
dann ein Ruf, in den Hof fällt ein Nachthemd, mir ist, als vergäße
ich einzelne Wörter in den Sätzen, man könnte sie nicht
verstehen, und hörte ich nicht Musik, wäre es so still, daß
ich glaubte, ich wäre tot für einige Zeit, so wie man ein Hotel
aufsucht, anderntags abreist.
Manchmal fällt mir ein, schreibt ein Freund,
daß du die Straße entlangkommst; an eine Straße in Jerusalem
denkt er, Häuser aus hellem Stein, am Straßenrand Oleander,
das Grab eines römischen Feldherrn, der Jason hieß, rechterhand,
und hinter der Kurve im Tal das Kloster.
Beide gehen wir längst nicht mehr dort entlang,
die Entfernung ist viel zu groß, in einer anderen Stadt er, ich
in einem anderen Land, sowieso spielt jeder sein eigenes Spiel mit dem
Tod, als würde man das Leben mehrmals verlieren, wieder auferstehen
von den Toten, glaubst du mir, schreibt er, daß der Brief damals
verlorenging? Und ich antworte ja, warum auch nicht, ein anderer Brief
erreichte mich erst nach zwei Jahren, "Verstorben" auf die Rückseite
gestempelt, das Wort mußte ich nachschlagen, ein sehr höflicher
Ausdruck, der "gelöst" bedeutet, wenn man von einem Problem
oder einem Rätsel spricht.
Noch immer liegt das hellblaue Nachthemd im Hof, die
Ärmel ausgebreitet wie erstaunt, ein Mann kommt heraus, schüttelt
den Kopf, hängt das Nachthemd über den Zaun, hinter dem Straßenschilder,
Warnschilder stehen, es flattert im Wind, Umleitung, lese ich, Achtung!
Baustelle, ein Straßenname ist jetzt verdeckt, aber noch gibt es
eine ganze Anzahl von Pfeilen, als könnte ich jederzeit überlegen,
in welche Richtung ich fahre.
Ich stiege ins Auto, führe vorbei an Baustellen,
auf Ausfallstraßen an tristen Häuserblocks vorbei, die hellen
Fenster ein schlecht ausgeschnittenes Puzzle, starrte an einer Haltestelle
die Schienen entlang, in einem Hauseingang Halbwüchsige, rauchend,
und plötzlich glaube ich, diesen Freund zu sehen, dort hinten, doch
als ich rufe, ist meine Stimme unsicher, als wüßte ich seinen
Namen nicht mehr, er kann mich nicht hören, ist auch weit fort, und
ich kenne schon sein Gesicht nicht mehr, seine Hände, Umarmungen,
und meine eigenen Hände fremd, als kletterte ich Häuserfassaden
entlang oder Dächer, klammerte mich an die Regenrinnen, den Sturz
fürchtend, so wie man manchmal den Träumen nach dem Erwachen
zuschaut wie einem Film, der weiterläuft, obwohl alle den Kinosaal
längst verlassen haben, nachts, das Nachthemd im Hof ist fort, und
die Schilder kann man nicht mehr erkennen, keine Warnung, keinen Namen.
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