Aus: Der Universalratgeber Schnepfenthal, Verlag Ernst Danson, ohne Ort und Jahr.
Katharina Hacker
 

 

 

29.1.1999


 

 

Querrillen oder Querillen. Die Querrillen gehören zu denjenigen Gegenständen, deren vollständige Auffassung ohne eine ungenaue, geradezu falsche Lesart nicht möglich ist. Während man ansonsten ängstlich bemüht sein sollte, praktische, semantische und klangliche Sorgfalt walten zu lassen, verstellt diese in solch seltenem Fall das wahre Gesicht des Wortes, bei dem es sich gleichermaßen und mit gleichem Recht um eines wie auch um zwei Wörter handelt. Die Quer-Rille ist wie die ihr verwandte Spur-Rille eine Gegebenheit des Straßenverkehrs, die Autofahrer, Radfahrer, Rollschuhfahrer und andere ins Unglück stürzen kann. Besonders bei Regen birgt sie Unheil. Näheres hierzu unter dem Artikel Unfälle. Als ein Wort gelesen, gehört die Querille zur Gattung der Querelen, diese wiederum zu den Unbillen, die nicht zufällig ebenso im Plural auftreten wie etwa die Silberfischchen. Allerdings sollte man hier an gewissermaßen unkörperliche Vertreter der Gattung denken, denn die Querille ist, wie auch die übertragene Grille, letztlich eine Gemütsbewegung (siehe dort). Gemütsbewegungen gehören zur Gefühlswelt und sind als solche innere Vorgänge, die ihre Wahrhaftigkeit aus ihrer Innigkeit und Innerlichkeit beziehen. Von diesem Thema ist mit großer Achtung und Vorsicht zu sprechen, und vielleicht sollte man es sogar denjenigen überlassen, die einen besonderen, geradezu intimen Zugang zur Sprache im Allgemeinen haben und in der Selbsterkundung geübt sind, wie manche Schriftsteller, die mit Fug und Recht von sich sagen dürfen, daß sie den Selbsterkundungssprachgebrauch des Schriftsteller tatsächlich beherrschen. Denn innige und innerliche Vorgänge sind der tiefste Grund all unseres Seins, das ohne solche Innerlichkeit Gefahr läuft, sinnentleert und geradezu heuchlerisch zu erscheinen. Insofern kann man, ohne dabei einen zu weiten Bogen zu schlagen, die Querille geradewegs mit dem Gewissen verbinden, das ohne tiefe Empfindung nichts ist als leerer Schaum. Es gehören also derart Querille und Gewissen zusammen wie Licht und Schatten, deren Gemeinsamkeit der große Philosoph Hegel uns in dem Satz entdeckt hat: Licht und Finsternis sind zwei Leeren, welche dasselbe sind. (vergl. dagegen Morgendämmerung.) Es soll nicht versäumt werden mitzuteilen, daß man in Querrillen (lies: Quer-Rillen) zuweilen auf offener Straße, also in aller Öffentlichkeit, Erstaunliches findet, etwa gekrümmte Nägel. Einer unserer Großen hat den Satz geprägt: Wenn ich mich krümmen könnte, bis ich mich nicht mehr krümmen möchte, und hat uns seither auch mehrfach Anlaß geboten, über den innersten Sinn, welchen er dem Satz beilegt, nachzugrübeln.