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Der Morgen so grau und stumm, als
wäre über Nacht vieles geschehen: einige abgereist, andere gestorben;
ein Morgen für Schlupflöcher und muffige Wollpullover und altes,
fleckiges Porzellangeschirr. Jetzt geschieht gar nichts mehr. In einem
Hinterhof fängt einer Vögel, bindet ihre Flügel mit Zwirnsfäden
zusammen und hängt sie an ein Gesträuch. Auf einer Wiese steht
das Wasser, große Pfützen kräuseln sich, die Wege schlammig,
als hätte es wochenlang geregnet, Fußspuren werden fortgespült
und Verkehrsschilder, und Holzkreuze liegen umgestürzt.
Später am Tag wird eine junge Frau sich den Knöchel an einem
Bordstein aufschlagen, den Fahrschein nicht finden, während Kontrolleure
mißgestimmt, verfroren von einem Fuß auf den anderen treten;
viel später wird die Frau an einer Tür klingeln und keiner öffnet,
ach, sie hatte so sehr darauf gehofft. Sie wird sich daran erinnern,
daß ihre Großmutter Spitzen sammelte, sorgfältig in einer
hölzernen Truhe aufbewahrte, manchmal Schnaps trank, später
das Husten anfing, hustete und endlich starb. Sie wird umkehren, die Treppen
zur U-Bahn hinuntergehen und glauben, ihre Mutter hätte sich umgebracht,
an Eisenbahnzüge wird sie denken, die sehr langsam bremsen, an zitternde
Schienen, an Geschmier und an die Demütigung, daß der eine
oder andere Körperteil unversehrt bleibt. Vielleicht werde ich ihr
begegnen, wenn sie daran denkt, ob es ein Fuß war, ob er einen Schuh
trug und welchen, vielleicht werde ich einen Moment ihr Gesicht betrachten,
das blaß ist und stumpf, wie viele Gesichter, wie mein eigenes,
während ein Tonband weitere Stationen aufzählt und wir beide
viel zu weit fahren, längst nicht mehr ankommen werden, Bahnsteige
aufblitzen sehen, untergehen.
Eine Viertelstunde lang begreift man, daß es gut wäre, aufzustehen
und fortzugehen, für eine Viertelstunde beobachtet man die Uhr, zieht
Landkarten in Erwägung, Fahrkartenschalter, nickt einmal entschlossen
mit dem Kopf, während die Hände schon das Essen richten, das
Bett richten, den morgigen Tag, die Tage und Wochen, während die
Hände schon mit einem losen Knopf spielen, an Nadel und Faden denken,
und vom Globus im Zimmer blättert die Farbe ab, Länder verschwinden
in Ritzen, im Staub.
Eine dünne Staubschicht, zu dünn, sich dabei aufzuhalten, aber
der Staub, der Staub, der morgens die Augen verkleben wird, heimlich und
gefräßig die Farben und jedes Leuchten, zerrt die Bewegungen
des Mundes ins Dunkle, rechthaberisch, geizig. Morgens
der Staub trostlos wie eine Wunde, der keiner Trost zuspricht, Schürfwunde,
Abnutzung, müder Atem, ein zaghafter Finger, der zeichnet, Namen
sucht, vergeblich. Nachts schon die ersten Anzeichen des Staubs, der sich
morgens übers Gesicht breitet, ein Leichentuch, untauglich, nicht
einmal kühl. Nachts schon das Wissen, auch morgen wird das, was lindert,
gefräßig sein, betrübt, und die Fenster wetteifern mit
dem Grau vor den Fenstern und dem Reichtum der Welt und dem Betrug des
Staubes auf den Augenlidern, Augäpfeln, den Wimpern, die verklebt
sind und mutlos. In Kinderreimen wartet der Tod, der besonders langsam
zählt, hustet, und sich langweilt.
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