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Es braucht schon
ein gehöriges Maß an Herzenskälte sich selbst gegenüber,
an Silvester von Rom nach Bregenz zu fahren, obwohl zu Hause niemand wartet.
Andererseits, den Freund der Mitstipendiatin wollte ich nicht kennenlernen,
Himmelherrgott, läßt sich wochenlang von mir bekochen und glaubt
mir jedes Wort, daß ich sowieso koche und mich gerne unterhalte. Da
ist mir meine Vorarlberger "solitudine" schon lieber. Ich schlage
die Wohnungstür hinter mir zu und stelle mich unter die Dusche, obwohl
der Boiler nach der langen Abwesenheit kalt ist. Was soll´s, mir glüht
ohnehin der Kopf vor lauter ich weiß nicht was anfangen mit mir und
dieser sozusagen Jahretausendwende. Am besten: gleich ins Bett, naß
und voller Zorn, noch vor Mitternacht. Ich schlafe gleich ein und träume
davon, daß ich noch immer im Zug sitze. Über die Deckenlautsprecher
wird durchgegeben, die Literaturzeitschrift "manuskripte" habe
in Waggon 2 eine Servicestelle eingerichtet. Fahrgäste, die über
unveröffentlichte Texte verfügten, würden dort gerne erwartet.
Ich denke mir sofort, oh Schande, was ist jetzt los, glauben die im Ernst,
daß heute, um diese Zeit, noch mehr Schriftsteller unterwegs sind
außer mir Idiot. Ich lange sofort nach dem Rucksack und gehe durch
die leeren Gänge zu Waggon 2. Dort angekommen, sehe ich Alfred Kolleritsch
weiße Faltblätter auf Tischen verteilen. Wir begrüßen
uns herzlich, und ich sage, ohne auf die seltsamen Umstände des Treffens
einzugehen, ich hätte Erzählungen, aber die seien schon zwei oder
drei Jahre alt. Lüge, denke ich gleichzeitig, das stimmt doch überhaupt
nicht, die sind mindestens fünf, wenn nicht sechs Jahre alt, dreißigseitige
Erzählungen, wer will denn dreißigseitige Erzählungen, zur
kurz oder zu lang, keine Literaturzeitschrift will dreißigseitige
Erzählungen, das ist was für den Nachlaßband. Ich mache
Alfred Kolleritsch darauf aufmerksam, dreißig Seiten, niemand will
dreißigseitige Erzählungen, Herr Kolleritsch, nur, damit Sie
sich keine falschen Hoffnungen machen. Diese Erzählungen werden im
Nachlaßband erscheinen. Er verteilt weiterhin die Faltblätter
an den leeren Tischen und sagt, schicken Sie mir die Texte zu, mal sehen,
was ich machen kann. Wieder Faltblätter. Ich bleibe noch eine Weile
am Gang stehen, stimmungsmäßig kopfschüttelnd, obwohl ich
mich selber nicht sehe. Ich betrachte weiterhin Alfred Kolleritsch bei seinen
Vorbereitungen und denke dabei, es gibt ja noch die siebzehnseitige Inventarliste
des abgebrannten Hauses, vielleicht ist das von Interesse, nur siebzehn
Seiten, denke ich, wenig mehr als die Hälfte, das könnte gehen.
Ich wache auf.
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