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Der Abend ist mir völlig zuwider und ich weiß
nicht, was ich mit ihm anfangen soll. Zwar bin ich zu mehreren Null-Null-Null-Feiern
eingeladen, aber diese Feiern finden allesamt auf Alphütten oder
Vorsäßen statt. Ich habe keine Lust, jetzt, nach zwölf
Stunden Zugfahrt, noch eine Stunde lang Auto zu fahren, es ist dunkel,
die Straßen sind glatt, womöglich hat es gestern einen halben
Meter geschneit, was weiß ich, ich war in Rom, dort schneit es nur
alle zehn Jahre einmal. Die Fahrt in die Berge will ich mir nicht mehr
zumuten. Ich pfeife auf alle Feiern und stecke meine schmutzige Wäsche
in die Waschmaschine, ehe ich mich voller Zorn ins Bett lege. Ich schlafe
rasch ein und träume davon, daß ich ein Pop-Konzert besuche.
Bühne und Tribüne erinnern an einen Hörsaal, so eng ist
alles. Dabei tritt Bob Dylan auf. Ich sitze auf der Galerie, die sehr
steil und viel zu nahe an der Bühne ist. Hinter mir sitzen Schulkollegen,
neben mir Norbert Niemann. Das Publikum ist unruhig, und meine Schulkollegen
stören, wo sie können, zumal Bob Dylan eine miserable Vorstellung
gibt. Er singt völlig belanglos, und ich halte das alles für
eine einzige Schmierenkomödie. Nach einiger Zeit zieht sich Bob Dylan
von der Bühne zurück. Die Band spielt ungerührt weiter,
und für wenige Textzeilen springen Choristinnen aus dem Dunkel der
Seitenbühne, wenden sich von den Mikros jedoch wieder ab, noch ehe
die Textzeilen beendet sind. Im Weggehen hört man die Choristinnen,
leiser werdend, zuende singen, und ich fühle mich provoziert. Bob
Dylan selber tritt gar nicht mehr auf, ich sehe ihn auf der Seitenbühne
auf einem Stuhl sitzen, eine Frau föhnt ihm die Haare.
Plötzlich steht Norbert Niemann auf der Bühne und redet in ein
offenes Mikrofon. Stotternd versucht er, das Recht auf einen gelungenen
Abend einzufordern, alle Beteiligten sollten sich ein Herz nehmen und
nicht nur "die fünfhundert Schilling" einstecken wollen
(gemeint ist der Preis für eine Eintrittskarte). Aus dem Publikum
kommen wieder Zwischenrufe, wieder von meinen Schulkollegen, die Norbert
Niemann vorwerfen, er beschwere sich über das völlig Falsche,
und er solle erwähnen, daß Bob Dylan unter dem Haarföhn
sitzt und auf einen Wecker schaut. Norbert Niemann ist genervt und blickt
nervös zu den Bodygards, die sich ihm, von der Hinterbühne kommend,
nähern. Sie stampfen mit den Füßen, um ihn zu erschrecken,
und einer - er ist blond und sehr stämmig - knurrt wie ein Kettenhund,
aber so, daß klar ist, daß er sich über uns lustig macht.
Norbert Niemann läßt sich auch von dem knurrenden Bodyguard
nicht beeindrucken und wiederholt seine Bitte um mehr Engagement in einem
Tonfall, als rede er mit kleinen Kindern, die er zur Vernunft bringen
wolle. Ich rufe ihm etwas zu, einen gutgemeinten Ratschlag, da wache ich
auf.
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