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Jetzt ist es so weit. Früher habe ich mich immer über meine
Mutter geärgert. An Silvester um Viertel vor zwölf einen Campari
trinken und ins Bett gehen, ganz demonstrativ. Scheiß Raketen. Scheiß
Blick übers Rheintal. Ich bin nicht besser, im Gegenteil: am 31.
12. von Rom nach Vorarlberg fahren, wo niemand wartet, wo ich ganz auf
mich selber losgelassen bin. Welche Zumutung. Die Wohnung kalt und nichts
im Kühlschrank, nichts am Anrufbeantworter, nur Lesungen. Ich hätte
es wissen müssen, natürlich, hier wartet niemand. Auch in Rom
wartet niemand. Aber dort wäre ich wenigstens blond gewesen, ich
meine, immerhin. Das hätte mir früher einfallen müssen.
Jetzt ist es zu spät. Es ist immer zu spät. Das kommt von dem
ewigen Davonlaufen. Noch ein Schluck von dem mitgebrachten Grappa. Er
wäre eigentlich als Geschenk gedacht gewesen. Dann lege ich mich,
noch vor halb zwölf, voller Zorn ins Bett. Ich schlafe rasch ein
und träume davon, daß ich aus dem Schlafzimmerfenster meiner
Wohnung schaue und feststelle, daß der Hang unterhalb der Wohnung
völlig zugewachsen ist, sowohl bei uns als auch bei den Nachbarn,
und zwar mit bestimmt zwei Meter hohen, tiefgrünen Pflanzen, deren
große, speckige Blätter ringförmig direkt am Stiel ansetzen.
Die Pflanzen sehen aus wie überdimensionale Blumen, die in der Krone,
wo die ringförmig angeordneten Blätter immer kleiner werden,
zum Blühen kommen könnten. Aber Blüten sind nirgendwo zu
sehen. Nur Grün. Ein tiefgrünes, undurchdringliches Meer. Ich
bin völlig baff, daß Pflanzen von einem Tag auf den anderen
ein so großes Gelände überziehen können. Mir kommt
das wie eine ungeheuerliche Invasion vor, und ich mache mir Sorgen um
die tausenden Wiesenblumen, die den Hang im Frühling immer bedecken
und jetzt kein Sonnenlicht mehr abbekommen werden. Ständig denke
ich mir: Mit den Blumen ist es jetzt aus, die haben keine Chance mehr.
Verrückt, diese Invasion, wirklich erstaunlich und verrückt,
daß so etwas bei uns passieren kann.
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