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Herrschaft? Nein, dann wohl eher Hauptschaft. Früher
einmal jedenfalls. Über Stadt und Land von Pol zu Pol
wie eine Schlange, die sich selber in den Schwanz beißt. Alles unter
Kontrolle. Ein wahrer Atlas. Der Globus gleichsam angeschmiedet auf den
Schultern. Den Schädel auf dem Schaft, den Hut etwas schräg,
eine noble Pose einnehmend
oh, das waren noch Zeiten. Im leichten
Winkel gegen die Ewigkeit. Besonders kleidsam. Jetzt aber sitze ich hier.
Still wie Schlaf. Ich werde mich nicht rühren, wenn ich nicht muß.
Der Hut auf dem Boden, die Kugel in den Händen begraben. Auch eine
Deposition. Mein letztes Kapital, um die Wahrheit zu sagen. Und dafür
kann ich mir nicht viel kaufen. Eine einfache Fahrkarte, wenn es hoch
kommt. Hin, aber wohl kaum zurück. Nein, nicht zurück. Nie im
Leben. Nördlich der Zukunft wohl eher. Die große Abstraktion.
Erst bleich, jetzt aber beinfarben. Bald weiß. Und dann fort. Für
immer und ewig. Ohne Gesellschaft und Komfort. Die letzte Reise, wenn
man so will. Kein Gepäck. Oder doch, diese Last hier. Etwa zwei Kilo
zu schleppen. Oder um genau zu sein: 69 Unzen. Das heißt: 19,6 Hekto.
Keine Kleinigkeit, wenn mans genau bedenkt. Das fanden auch die
Herren Doktoren, als sie es taten. Wogen und bedachten. Für 2000
Pfund wechselte es den Besitzer. Das war ein gutes Geschäft. Seiner
Zeit jedenfalls. Und könnte es immer noch sein. Aber dazu nicke ich
keinen Beifall. Heute weiß ich es besser. Das Geld drückten
sie mir in die Hände, diese Hände hier, dann lächelten
sie breit und unergründlich, darauf verabschiedeten sie sich eiligst.
Kultivierte Männer. Da läßt sich nichts sagen. Bailey,
Craford, Osian und
Carlton war es. Carlton Sr. Sie bezahlten, sahen
aus wie Sphinxen und gingen. Ohne zu feilschen. Alle Ehre. Männer
nach meinem Geschmack. Zufrieden, den Artikel wie gesehen zu bekommen,
sobald ich dahingegangen sein würde. "Nicht einen Tag früher,
Herr Bottle, nicht einmal einen halben. Um was es ging? Diese Hemisphären
hier natürlich. Die Substanz in meinen Händen. Zwei Kilo Nerven,
Zellen und Wasser. Mein graues Kapital. Das mag etwas exzentrisch erscheinen,
aber man bedenke: was hatte ich schon zu verlieren? Und schenkt man denen
Glauben, die sich über meine Aussichten lustig machten, hatte ich
eh schon das Recht auf eine Zukunft verloren. Heute steht immerhin fest:
ich lache zuletzt. Sämtliche Käufer sind gestorben, einer nach
dem anderen. Niemand kann noch Anspruch auf die Ware erheben. Das Hirn,
das noch nicht in andere Hände gelangt ist, bleibt in meinen. 2000
Pfund in der Tasche und ebenso viel Gramm zwischen den Ohren. Den Kopf
noch auf dem Schaft und nicht unter dem Arm, was? Es hätte schlimmer
kommen können, oder? Nein, nein. Nie im Leben. Hätte es nicht.
Das will ich mit einem Mal gesagt haben, bevor noch jemand irgend eine
kopflose Idee hat. Ich beschäftige mich nicht mehr mit Überraschungen.
Keine neuen Tricks im Stil von tam-ta-ram, ihr-habt-euch-das-so-gedacht,
es-ist-aber-so, nicht-einschlafen-eh-aufgepaßt. Statt dessen habe
ich vor, direkt zur Sache zu kommen, es auf den Punkt zu bringen, die
Quintessenz des
wie heißt es
ans Eingemachte, meine
ich. Das ist also der Kern der Story, der Punkt, um den sich alles dreht:
das großartige Haupt, in dem ich einst wirkte, ist heute die reinste
Ruine. Ich bin verwüstet. Vernichtet. Gebrochen. Das ist die nackte
Wahrheit. Am Ende. Kann es nicht anders sagen. Verrückte Welt, dachte
ich zu jener Zeit. Sein Gehirn gegen Vorauszahlung zu verkaufen
als veräußere man seine Seele an irgendeine behaarte Gestalt.
Gedanken dieser Art. Warum hast du nur, etc. Grübeleien in diesem
Stil. Welch schwachsinniger Schutz. Wenn es hoch kommt ein arktisches
Lächeln wert. Nicht mehr. Wahrscheinlich weniger, wahrscheinlich
nichts. Doch zu jener Zeit erhob ich solche Einwände. Schwer zu glauben,
so kraftlos wie ich war. Ein Scherz. Nachdem ich eine Weile überlegt
hatte, hob ich deshalb hervor: Aber Bottle, mal im Ernst, macht es noch
Witz? Das war ein guter. Ich hatte so meine hellen Minuten. Der Scherz
war kein Witz. Das gefällt mir. Dennoch fuhr ich unberührt fort:
Du kannst es während deiner Zeit auf Erden behalten. Im Großen
Später wirst du dich kaum weniger drum scheren können. Zeig
ein wenig Geschäftssinn und schlag zu. Das war sogar noch besser.
Den Nagel auf den Kopf. Touché. Kapital ist Kapital, pflichtete
ich bei, wie ein leibhaftiger Slapstick-Faust
und schloß den
Pakt. Du lieber Himmel. Meine Eitelkeit war groß, gell. Aber es
stimmt schon, mein Name war in aller Munde. "Der Mann, der nicht
vergessen kann. W. J. M. Bottle, geboren in Newnham, Kent, im Jahre
des Herrn 1875, ausgestattet mit einem bedeutenden Gedächtnis. Zu
jener Zeit wäre es gegen meine Natur gewesen, kein Kapital aus meinen
Aktiva zu schlagen. Schädelgeschicklichkeit nannte ich das. Nicht
weniger als hundert Prozent Wiedergewinnung. Ein idiotensicheres Gehirn.
Nur wenige Sterbliche können Anspruch auf mehr erheben. Und in so
schwerwiegender Umgebung? Noch weniger. Also ließ ich mich auf das
Geschäft ein. Sicher wie ein Idiot. Kein Wunder, daß ich bekam,
worum ich gebeten hatte. Kopfzerbrechen, versteht sich. Ein Durcheinander
von Gottes Gnaden. Obwohl, das eine muß ich sagen: allzu verwunderlich
ist es nicht, daß die Ärzte in ihren Geldbörsen kramten,
sobald sie die Untersuchung durchgeführt hatten. Es dürfte allgemein
bekannt sein, daß das Zerebrum bei einem Neugeborenen etwa 200 Gramm
und bei einem erwachsenen Mann etwa das Fünffache wiegt. Couviers
Gehirn war ein weiches und warmes Ding von 1,7 Kilo, während Napoleon,
groß in allem außer der Länge, eine fünfzig Gramm
leichtere Zentraleinheit besaß. Charles Peace, jener Verbrecher,
der seinem Namen zum Trotz halb England in Furcht und Schrecken hielt,
wurde auf seinen Raubzügen von einer grauen Masse von ungefähr
1,6 Kilo begleitet. Mit anderen Worten: meine Substanz hatte historische
Proportionen. Das stand nun wirklich fest. Ein Hirn wie Stahl. Gravitas
mit wahrer Schwere. Die Größe ist nicht alles, meinte ich zu
den Ärzten, ließ sie aber dennoch ihr Vergnügen teuer
bezahlen: ein Pfund das Gramm. Erkenntnisse neuerer Zeit haben gezeigt,
daß möglicherweise ein paar Mark extra für ganz besonders
wichtige Gramm dringewesen wären. Aber zu jener Zeit fehlte mir der
Einblick in die Materie. Später bekam ich natürlich den Blick
eines Insiders. Man bewegt sich ja so durch das Dasein, nicht wahr? Ob
man will oder nicht, bleibt einiges hängen. "Daten, das
sagt sich von selbst. Wie zum Beispiel verschiedene Bezeichnungen für
Schnee. Oder die Namen unterschiedlicher Arten von Rippen, historische
Frauen und anderes. Oh, was beinhaltet nicht alles ein Name. Der aktuelle
Preis von von mir aus Äpfeln, oder sonst was. Oder die Entfernung
zwischen Nau und Nevers. Der wirkliche Inhalt von Pandoras Büchse.
Oder aber auch: die Zahl der Buchstaben in der Heiligen Schrift. Dinge
dieser Art. Das Bewußtsein ist ein Netz, durch das die Welt gesiebt
wird. Alles hängt davon ab, wie eng die Maschen sind. Man nehme zum
Beispiel meine. Äußerst fein. Größte Dichte. Würden
nicht eine Mikrobe verlieren, selbst wenn sie wollten. Das reinste Kunstwerk.
Waren sie jedenfalls. Jetzt ist das wohl etwas anderes. Da bin ich gleicher
Meinung. Darauf werde ich zurückkommen. Eins nach dem anderen. Das
habe ich immer gesagt. Eins nach dem anderen und alles zu seinem Recht
kommen lassen. Schon in jungen Jahren machte ich also meine große
Entdeckung. Offenbarung ist vielleicht ein besseres Wort. Lassen Sie es
mich einfach ein Glücksgriff nennen. Nehmen wir einmal an, daß
ich in den Besitz einer Broschüre über eingezäunte Parkanlagen
oder eine Hommage an Lady W., die Unvergleichliche, kam. Auch lange Zeit
später konnte ich mich noch an alles erinnern, was ich gelesen hatte.
Namen, Besonderheiten, Details
sogar an Textur und Tendenz der Erinnerung
selbst. Ich brauchte bloß zu flüstern "Sesam, öffne
dich, schon traten die wundersamsten Geschehnisse durch die Pforten
des Gedächtnisses hervor. Mein Kopf war eine Schatzkammer und ich
ein wandelnder Kalender, ein Bankier der Erinnerungen, oh, der einzige
Fahrplan aus Fleisch und Blut. Manche nannten mich schlicht König
Erinnerung. Den Containerentertainer. Ich fand, das ging ein wenig zu
weit. Mister Memory war ein Name, der mehr nach meinem Geschmack war.
Ziemlich flott, nicht wahr? Ich ließ sogar das Monogramm auf meine
Hemdsbrust und auf den Hutrand sticken. M. M.: ein kleiner Wink, daß
es noch "mehr und mehr aus der Schatulle zu holen gab, die
mir zur Verfügung stand. Oh, das waren noch Zeiten. Solide Einnahmen.
Imponierende Breite. Eine Prominenz ohne gleichen. Endlose Erinnerungen.
Nichts entging mir. Ich hatte vielleicht kaum mehr als eine Ahnung vom
wahren Umfang meines Wissens, aber ich brauchte bloß eine Nummer
zu beginnen, schon häuften sich Muster und Details wie Staub um Stuhlbeine.
"Sich sammeln, nannte ich das, dieses behutsame Zurückrufen
von Daten. "Gedankenbilder halfen mir dann, die Information
in Konstellationen zu komponieren. Auf diese Weise konnte ich, unverzüglich,
den Abstand zwischen zwei Begebenheiten, die Tiefe einer Quelle, den Winkel
eines Verlaufs bestimmen. Was bedeutet Erkenntnis, wenn man so Bescheid
weiß? Dies war die Geometrie des Verschwundenen: die Rekonstruktion
dessen, was gestorben, erloschen, verlorengegangen war. Eine wirkliche
Spektralanalyse. Nur Punkte, Linien und Verbindungen, unbefleckt wie das
Gewissen der Unschuld. Die perfekte Vergangenheit. Waren die Bildungen
dann einmal entstanden, bekamen sie ein Eigenleben und schwebten frei
wie Staubwolken in schlankem, silberfarbenem Licht Gedankenmobile,
in der Luft zusammengesetzt aus Plänen und Partikeln. Im Grunde alle
Arten von Formen. Mein Gehirn war geräumig wie eine Urne. Da gab
es keine vorausgefaßten Meinungen. Ob groß oder klein, lang
oder kurz, das meiste fand Platz. Wenn ich daran denke, was alles in ihr
begraben war
Das Kranium selbst war zwar nur eine dünne Mauer
um den Kern der Schöpfung. Es lagen aber Welten dazwischen. Im Innern
war alles so unberührt wie am siebten Tag: jedes Ding, jedes Ereignis
hatte seinen Namen und Platz. Die klarste Vielfalt aus Windungen und Schichtungen,
mnemonischen Falten und Furchen, Lagen aus feinstem Stoff. Weggestellt,
dennoch unmittelbar zugänglich. Die Daten wurden aus Taschen lieblichster
Nichtigkeit gewickelt, wie kleine Origamifiguren hervorgezaubert aus phantomartigem
Papier, das nichts anderes enthielt als Leere und Fläche. Wie ich
diese Augenblicke genoß. Ich konnte mich einem niemals versiegenden
Strom aus Fakten hingeben; mich in vollen Zügen am Reichtum und der
Pracht der Details laben; mich an der Fülle der Einzelheiten erfreuen;
mich im samtweichen Überfluß des Gedächtnisses suhlen.
Dem Publikum zuliebe konnte ich abgeschriebene Fälle, verlorene Augenblicke,
gottvergessene Geschicke und Sitten ins Gedächtnis rufen. Dann führte
ich kleine Schauspiele in den wechselnden Eigenschaften, die die Situation
verlangte, auf. Ären und Epochen, Boxer, Gangster und Regenten, Bräuche,
Traditionen und Manieren, die vor langer Zeit aus Gleichgültigkeit
oder kollektivem Gedächtnis verlorengegangen waren
nichts war
mir fremd. Ich holte die erforderlichen Requisiten aus meinen mentalen
Depots, ist wohl das richtige Wort. Dort jedenfalls bewahrte ich
meine Daten auf. Jede neue Bissen Information war wie eine Mahlzeit. Manche
konnten so raffiniert komponiert sein wie Menüs mit fünf oder
sieben Gängen. Andere wiederum erinnerten eher an hastige Mahlzeiten,
episodisches Zubrot, ein Mundvoll aus fremden aber anregenden Erlebnissen.
Dennoch nahm ich jede Begebenheit mit dem gleichen Appetit auf. Mister
Memory, der wimmelnden Erinnerungen Metaboliker, der Verdauer geistiger
Kost. Der wahre Meister der Mnemotechnik. Behandle dein Gehirn wie einen
Schlund, und du brauchst dich nur noch wegen der Knochen der Ewigkeit
zu beunruhigen, pflegte ich zu sagen. Meins hatte gute Eckzähne.
Ohne weiteres konnte es das meiste Nachdenken verdauen, wenn ich so sagen
darf. Kein Vergleich zu heute. Obwohl das Volumen ständig zunahm,
wuchs der Umfang der Substanz nicht. Ganz im Gegensatz zu meinem Körper,
der, wenn man ihm Nahrung zuführt, die Neigung hat, zuzulegen. Ich
konnte meinen Apfel essen und ihn trotzdem noch haben. Unglaublich, nicht
wahr? Manchmal schien es zu klingen wie Laken, die sich auf Sargdeckel
senken, was da drinnen im Bauch der Erinnerung vorging. Ein kaum hörbarer,
gleitender Laut aus leichtestem Samt, der andeutete, daß ein empfindsames
Datum sich zu einem verwandten gesellt hatte. Bei anderen Gelegenheiten
erinnerte es eher an Windstöße, die durch die Nacht ziehen
und sie braun und hohl wie einen Zahn werden lassen. Das war meistens
der Fall, wenn das eine oder andere Verhältnis unwiderruflich geworden
war. All diese Arrangements hatten jedoch ihre besonderen Eigenheiten
und Kennzeichen. Insgesamt bildeten sie eine Region ohne Schatten. Ein
Königreich aus festen Fakten und feingliedrigen Figuren. Alles war
wie frischestes Fruchtfleisch. Genau wie ich es haben wollte. Dies war
meine Schädelschaft und ich ich war ihre Eminenz. Bis zu jenem
schönen, schauerlichen Tag, wohlbemerkt. Plötzlich, aus dem
Grau, ließen sich Details nicht mehr zu Formen und Figuren fügen.
Statt dessen zerstreuten sie sich in Mustern mildester Panik. Gesten wie
insektenschnelle Gespenster. Beinfarbene Konturen, sprunghaft wie statische
Elektrizität. Febril und flackernd. Bei einer Gelegenheit brauchte
ich zehn Minuten oder mehr, um die Antwort auf eine Frage zu geben. Jedenfalls
länger als jemals zuvor. Da begriff ich, daß ich Probleme am
Hals hatte. Es spielte keine Rolle, was ich versuchte, mir in Erinnerung
zu rufen. Das einzige, was ich vor mir sah, war der Gedankengang, der
sich durch die Schädelschaft bewegte. Oh, ich hätte das ganze
aufgeben sollen, dort und damals. Den Gedanken vergessen, auf den Kopf
pfeifen sollen. Sie die Sache unter sich ausmachen lassen. Aber wie hätte
das ausgesehen? Statt dessen verließ ich mich auf meine Routine.
Suchte ein Fragment nach dem anderen hervor, fügte Stück zu
Stück hinzu und hoffte, so die richtigen Voraussetzungen für
das Bild zu schaffen, das ich mir zu machen suchte. In der Zwischenzeit
schmückte ich eine kleine Geschichte aus um das Publikum daran
zu hindern, Verdacht zu schöpfen. Der Punkt dabei ist, die Abschweifung
inhaltlich so interessant zu gestalten, daß man nicht die Aufmerksamkeit
der Zuhörer verliert. Gleichzeitig muß sie in ihren Konturen
so vage bleiben, daß sie allmählich mit dem Bild verschmelzen
kann, das beginnt, im Inneren deutlich zu werden. Auf diese Weise erscheint
das Nebengleis schließlich wie eine Hauptstrecke. Gott sei Dank
funktionierte der Trick immer noch. Wieder einmal konnte ich die Ovationen
entgegennehmen, die schon immer mein Lebenselexier gewesen sind
dieses weiche Wabern, so gleich Lachen oder Getränken, die ausgeschenkt
werden. Aber später merkte ich, daß alles seinen Preis hat.
Langgezogen und drahtartig schraubte sich ein Schmerz durch den Kopf.
Ich war gezwungen, mich zur Ruhe zu begeben. Den Schmerz zu lindern. Das
Hirn zu beruhigen. Die Situation war dabei, mir aus den Händen zu
gleiten. Heute weiß ich, daß dies der Anfang vom Ende war.
Ich hatte eine Schwelle überschritten. Und nicht nur das. Mein Gedächtnis
schien einen gewissen Grad von Sättigung erreicht zu haben. Mit ihr
kam
das Ungeziefer? Die Parasiten? Die mnemonischen Dämonen?
Ich weiß nicht, wie ich die verschämten Schatten nennen soll,
die sich nun in Falten und Windungen verbargen, sich in Spalten, Nischen
und Ecken, Sprüngen, Rissen und Löchern sammelten. Die Menge
der Daten ließ mir immer weniger Raum, auf dem ich mich bewegen
konnte. Wie das Bewußtsein sich auch drehte und wendete, stieß
es gegen Fakten, warf es Figuren um. Die Depositionen begannen zu gleiten
und zu rutschen wie lose Ladungen im Bauch eines Schiffs. Djinnartige
Konturen in trüben Farben. Ungefähr wie die bleiche Rückseite
von Schatten. Hybride Formationen, die ihre geschwollenen Köpfe erhoben,
sich im Licht des Gedankens drehten und anschließend in einer immer
weißeren Leere verschwanden. Die Gestalten bewegten sich mit der
ruckhaften Sicherheit von Blinden. Es war unmöglich, vorherzusehen,
was als nächstes geschehen würde. Ich nehme an, das ist es,
was man eine kritische Masse nennt. Der Punkt, jenseits dessen Kontrolle
zur Chimäre wird. Wenn überhaupt. Weniger. Mein Gehirn war außer
Takt, mein Kopf außer Form. Nun hatte jedes Detail, an das ich mich
erinnern konnte, diese bleiche Prägung. Als habe es sich aus einem
hohlen Wirrwarr von Bewegungen gelöst, zu dem ich keinen bewußten
Zugang mehr hatte. Außerdem schien die Entstellung in mir nur noch
zu wachsen, wie ein unscharfes Vakuum im Innern einer Verwirrung. Kurze
Zeit später gelang es mir wieder nicht, den richtigen Hintergrund
für eine Formation zu schaffen. Eine Art hervorgeschobenes Geschwulst
wollte keinen Platz vor dem Horizont einnehmen, den ich nach einiger Mühe
glücklich konstruiert hatte. Es erinnerte an einen Abfluß voller
Haare, Seife und Hautschuppen unterschiedlicher Farben. Verstopfung, völlig
klar. Ich konnte mich nur daran erinnern, daß mir schon einmal etwas
ähnliches passiert war. Natürlich redete ich munter drauflos,
während ich im Stillen mein bestes gab, um die Situation zu meistern.
Aber jedes Mal, wenn ich die Ebene winkelte und glaubte, endlich die richtigen
Voraussetzungen geschaffen zu haben, durchbrach der rohrförmige Auswuchs
die Hülle. Es war wie verhext. Ich konnte seine richtige Relation
zum eigentlichen Mutterkörper nicht bestimmen. Fast war ich schon
bereit, aufzugeben zu vergessen, mich zurückzuziehen
als mir schlagartig klarwurde, daß was aus dem Bild herausfiel,
in Wirklichkeit vielleicht ein Teil von ihm war. Möglicherweise war
die Form das eigentliche Thema, das ich vergegenwärtigen wollte?
Die Nummer beanspruchte erheblich mehr Zeit als üblich. Ich war nicht
ohne Sorge, die Gunst des Publikums zu verlieren und verwandelte deshalb
die Digression in eine allgemeine Reflexion über mentale Reserven
und kraniale Lasten. Aber schließlich
heureka. Es war, als
nehme man einen Filmstreifen aus dem Entwicklungsbad und warte darauf,
daß die ölige Haut, die zwischen Zeigefinger und Daumen tropft,
endlich trocknet bloß um plötzlich eine Hand zu sehen,
die eine rückgratlose Folge von Kästchen hebt, die eine andere
Hand zeigen, die
und so weiter. Ich kam nicht dazu, die Sequenz
aus meinem Hirn zu verbannen. Und in diesem Moment verstand ich, daß
es keine Hoffnung mehr gab. Der Schädel war offensichtlich ein Teil
des Problems, nicht der Lösung. Die Kopfschmerzen hinterher lassen
sich nicht beschreiben. Ich konnte von innen heraus einen Laut vernehmen,
als breche man einen Apfel in zwei Teile. "Ses-, konnte ich
noch denken, bevor alles leer wurde. Später, ich weiß nicht
wann, erwachte ich wieder zum Leben. Der Schädel war noch immer Teil
des Bildes. In die Händen vor mir ausgeleert. Was tun?, dachte ich.
Sich sammeln? Man sagt, daß Menschen, bei denen ein Bein oder ein
Arm gelähmt wird, diese Gliedmaße nach einer Weile nicht mehr
als Teil ihrer selbst betrachten können. "Nehmen Sie das auch
noch mit, rief ein Patient hier einmal einer Schwester hinterher,
die gekommen war, um das Frühstückstablett zu holen und zeigte
auf seinen leblosen Arm. Aber was soll der machen, der die Barschaft in
seinem Kranium verkauft und das Geld verjubelt hat? So tun, als ob das
nichts zu bedeuten hätte? Für wen? Ich frage ja nur. Ich konnte
die Situation wohl nicht verlassen, mich einfach erheben und gehen? Ich
hatte alle Hände voll. Keine Abdankung für König Erinnerung.
Als wäre die Lage nicht schon schlimm genug, kam noch das Wissen
dazu, nicht länger in einer Gedankenwelt versinken zu können,
die mir selbst gehörte. Seit dem Verkauf hatte ich auf Dispens kogitiert,
wer kann mir da ernsthaft einen Vorwurf machen, wenn sich meine Gedanken
stur stellten? Der Container war besetztes Gebiet. So viel zur Gedankenfreiheit.
Als ich begriff, daß diese einst so großartige graue Substanz
weiterhin ihr bestes gab, um auch diesen Gedanken noch zu denken
du liebe Zeit. Verrückte Welt, gell. Bailey, Craford und die anderen
hätten sich der Ware bereits dort und damals annehmen können.
So wenig war noch mit dem Artikel los, den sie gekauft hatten. Das reinste
Sammelsurium. Aber statt dessen blieben wir hier. Ich und mein Schädel.
"Gehirnwäsche, so hieß das. Ich verstand schon.
Beruhige dich. Überlaß dich. Lade ab. Seitdem sind Menschen
gekommen und gegangen. Und die Ärzte haben sich, wie gesagt, einer
nach dem anderen von uns verabschiedet. Aber um die Wahrheit zu sagen:
Die Stille hier hat gutgetan. Wie Balsam für die Seele, wirklich,
wie Labsal für die Gedanken. Und die Isolierung
eine Art Korken,
glaube ich. Keine unnötigen Störungen. Alles still. Nur wir
zwei. Strengste Order, keine überflüssige Eindrücke aufzunehmen.
Als ob ich dazu noch Lust hätte. Es reicht mit den Erinnerungen,
sozusagen. Es reicht wirklich, um genau zu sein. Keine weiteren Daten,
wenn ich bitten darf. Aber dann hatte ich die Idee, mich zu sammeln, nicht
wahr, alles zurechtzulegen und meine Geschichte zu erzählen
der Form halber, wenn schon aus keinem anderen Grund. Die Eitelkeit ist
das Letzte, was einen verläßt, soviel steht fest. Ich hätte
statt dessen ein Loch in den Schädel bohren sollen. Wie dieser Typ
da in Amsterdam. Joe Hughes, hieß er nicht so? Der mit dem Druck
nicht klar kam und einen Bohrer an die Stirn setzte. Schuf eine kleine
Luke und zapfte verunreinigte Hirnflüssigkeit ab. Ein Ausweg, nicht
wahr? Ein Fenster zur Welt. Das könnte gereicht haben
ein ordentliches
Durchlüften jedenfalls
dann hätte ich mich wieder umsehen
können. Ohne Druck, sozusagen, aber trotzdem intakt. Frisch wie am
Schöpfungstage. Statt dessen war ich gezwungen, das alles von mir
zu geben. Welch Routine
Nun kann ich spüren wie die Gedanken
auslaufen. Trümmer und Scherben alles. Oh, ich hätte niemals
anfangen sollen. An wieviel kann man sich erinnern, bis man entdeckt,
daß die Erinnerung einen in einem Kreis führt, der wie eine
Schlinge zugezogen wird? Man kann sich den Kopf wegen weniger zerbrechen.
Eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt? Eher wie ein
Wurm, der sein eigenes Hinterteil in sich hineinfrißt. Schließlich
muß er die Zähnen ins Hirn schlagen. Dann ist alles vorbei.
Die Erinnerungen haben den Raum verschluckt, den es braucht, um sie hervorzubringen.
Form ist endlich Inhalt geworden
Und man selbst? Nach innen gewandt,
oder? Eher als befinde man sich außen und schaue hinaus. Kein Container
ist groß genug für eine solche Geschichte. Nicht einmal dieser.
Kein Wunder, daß Risse entstehen. Nachdenklichkeiten das
ist es, was die Sache letztlich entscheidet, nicht wahr? Umzudenken. Oder
über. Aufs neue. Wieder. Sachen dieser Art. Ein Nest voller Djinns,
ist es. Eine Flasche mit Geistern. Wenn der Deckel einmal weg ist, gibt
es keine Ruhe mehr. Welchen Nutzen habe ich davon, zuletzt zu lachen?
Du glaubst, daß du deine Vergangenheit beherrschst, aber das stimmt
nicht. Einst ihr Wächter, bist du jetzt ihre Geisel. Von so etwas
erholt man sich nicht. Da wird man nur zurückgeholt. Keine Kompositionen
mehr, es bleibt nur noch Dekomposition
König Erinnerung, eh?
Eher König Ohnmacht. Gebrochen und geborsten. Ausgezählt. KO,
wie man so sagt. Welch eine Deposition. Ein zerbrochener Bottle unter
alten Erinnerungen
Habe ichs nicht gesagt? Leer gemacht.
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
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