

|
|
|
Nimm das Temperament eines komplexen Oktopus an,
der so aussieht wie jedweder Fels, dem er anhaftet.
Theogenis
Einst boten "Schweigen, Exil und List, jene berühmte,
von Joyce empfohlene Dreifaltigkeit von Tugenden, den Autoren lebensfähige
Strategien. In den Augen heutiger Schriftsteller jedoch, die in einer
Welt kämpfen, in der ein aufgeblähter Literaturmarkt den Salon
ersetzt hat und das Wort "glocal so drohend lärmt, daß
Schweigen überhört und Exil unmöglich wird scheint
nur die List ungeschoren davongekommen zu sein. Erlauben Sie mir, Ihnen
einige Überlegungen zu dieser unermüdlichen Tugend zu präsentieren,
die wir heute vielleicht dringender brauchen als je zuvor. Um meine Mutmaßungen
ansehnlicher zu gestalten, werde ich sie in das Gewand entschieden minderer
Gottheiten kleiden, unter anderem der Geduld, der Gelassenheit und der
Idiosynkrasie die, wie ich meine, alle Aspekte zu jener List beisteuern,
die Homer, der entfernte Urahne von Joyce, einst als polútropos
bezeichnete und seinem Helden Odysseus zuschrieb, jenem Mann, der "gewandt
in mancher Hinsicht war.
Ich beginne mit einer Anekdote. Die Krankheit, die später
unter dem Namen Spanische Grippe bekannt werden sollte, fuhr vor achtzig
Jahren in wenigen Monaten eine Ernte von zwanzig bis vierzig Millionen
Menschenleben ein bei weitem mehr Menschen, als im Ersten Weltkrieg
gestorben waren. Mir scheint, daß nur wenige Ereignisse dem, was
wir den "Zeitgeist nennen, besser entsprechen, diesem vage
belebenden Federstrich, der selber kurzatmig doch lange Schatten wirft.
Später isoliert, untersucht und klassifiziert, wurde das h1n1-Virus
durch Menschen verbreitet, die die gleiche Luft atmeten, zusammen schliefen,
aßen und miteinander sprachen. Es suchte praktisch jeden Winkel
des Globus, ländliche Gegenden ebenso wie Metropolen, so schnell
und gewissenhaft heim, daß Straßenbahnen in Leichenwagen umgewandelt
und aus Mangel an Särgen Massengräber ausgehoben werden mußten.
Wenn die Theorie stimmt, die von Kirsty Duncan und ihren Kollegen vom
"National Tissue Repository (Zentrale Erfassungsstelle für
Gewebeproben) in Bethesda, Maryland, entwickelt wurde, könnte das
Virus ein paar Fuß unter der Erde in Longyearbyen, einem einige
tausend Kilometer südlich des Nordpols auf der norwegischen Insel
Svalbard gelegenen Dorf, intakt überlebt haben. Am Fuße eines
immerweißen Hügels sind auf dem dortigen Friedhof die Körper
von sieben norwegischen Bergleuten begraben, die Anfang Oktober 1918 starben.
In der Tundra, an einem Ort also, wo der Permafrost den Boden niemals
freigibt, kryogenetisch gesichert, könnte das Virus im Zellgewebe
toter Menschen die Zeit überdauert haben. Wenn dem so ist, könnten
die sterblichen Überreste der sieben Bergleute dank moderner Biotechnologie
als Abgesandte aus einer anderen Welt wiederkehren und uns Neues über
den tödlichsten Feldzug einer Grippewelle berichten, der der Menschheit
bekannt ist. Zumindest ist das die Hoffnung von Duncan und ihrem Forscherteam,
die Proben aus diesen Körpern gebohrt haben und nun vorhaben, das
Zellgewebe aufzutauen, um so das geduldige Virus aus seinem Körpergefängnis
zu befreien.
Ich vertraue darauf, daß die Schriftsteller unserer Zeit von diesem
Beispiel lernen können. Natürlich nicht, daß es ein Teil
ihrer Arbeitsbeschreibung ist, Leser zu töten, wie wenige und wie
weit entfernt sie auch sein mögen, sondern daß ihre literarischen
Werke wie das h1n1-Virus lebendig genug sein sollten, um ansteckend zu
bleiben. Wenn es einem Buch nicht gelingt, dem Menschen, der es in Händen
hält, unter die Haut zu gehen, dann hat es dort nichts zu suchen.
Es sollte die wahre Berufung eines jeden literarischen Texts sein, das
Immunsystem seines Lesers neu zu ordnen. Doch um diese Operation auszuführen,
bedarf es etwas, von dem heute nur wenige Bücher fette Bestseller
und ausgemergelte Privatdrucke gleichermaßen beanspruchen
können, daß sie es in größerem Ausmaß besäßen:
Geduld.
Für Schriftsteller, die immer mehr dazu übergegangen sind, sich
selbst in Begriffen wahrzunehmen, die der Markt vorgibt, steht die Geduld
eindeutig nicht an erster Stelle. Freud und Leid der Fußballfans,
die ethnisch geprägten Herausforderungen des Lebens in den Vorstädten
der gesamten westlichen Hemisphäre, die Apathie der Penner und die
Emsigkeit der Hacker in diesen und anderen Fällen literarischer
Großtaten bestimmen die Inhalte den Tauschwert des Textes, oder
um einen Begriff einzubringen, der gegenwärtig eher en vogue
ist: der "hip-Faktor. Ungewöhnliche Erfahrungswelten werden
erforscht und neue Philosopheme überprüft, ein technisches Vokabular
erprobt und verschiedenen Arten abweichender Existenzformen nachgegangen,
doch nur selten scheinen sich die Autoren bewußt zu sein, daß
ohne das Einbauen raffinierter Widerstände hier eine verwirrende
Geste, dort ein irritierender Kurzschluß in einer Welt schnellebiger
Vergnügungen und augenblicklicher Befriedigung nur selten Dauerhaftes
entdeckt werden kann.
In einem Gedicht von John Burnside ich denke an das Titelgedicht
seines Buchs A Normal Skin wird die pathologische Identität
einer Nachbarin beschrieben. Still und stoisch leidet sie unter empfindlicher
Haut. Um ihre Existenz zu meistern, zerstreut sich die Frau, indem sie
auf "Basaren und lokalen Festen Uhren einsammelt, die sie nachts
auseinandernimmt und dann vor sich auf dem Küchentisch ausbreitet:
Sie weiß, wie Dinge gemacht sind das ist
nicht der Punkt
was zählt, ist die Ordnung, die sie schafft
und fixiert in ihrem Hirn.
Ich möchte die Behauptung wagen, daß die idiosynkratische
Anordnung, wie sie von persönlichen Tics und Eigenheiten diktiert
wird, die einzige Ordnung ist, für die es sich in der Literatur zu
kämpfen lohnt. Wenn Schriftsteller heutzutage eine Mission haben,
dann lautet sie, den Zeitströmungen zu widerstehen, ohne sich hinter
dem faden Bollwerk "ewiger Wahrheiten zu verschanzen. Zu diesem
Zweck werden ein nüchterner Verstand, eine rasche Auffassungsgabe
und kein geringes Maß an Selbstbeherrschung benötigt. Weil
die Literatur selbstverständlich keine lindernde Salbe ist, womit
der Markt sie beharrlich verwechselt, sondern eine Möglichkeit, wie
jemand, der von den Ekzemen der Existenz geplagt wird, die Zeit totschlagen
kann. Jedesmal, wenn das Leben einen durcheinander bringt, sollten Gelassenheit,
Hartnäckigkeit und Beherrschung Vorrang haben. Die Texte, die so
entstehen, schenken weder Trost noch Erlösung und heilen keine einzige
Wunde. Doch sorgfältig nach ihren Einzelteilen zergliedert
"eine Karte von Zahnrädern und Triebfedern, in Reihen angeordnet
/ unsichtbar numeriert bieten sie eine Ordnung, die den Geplagten
beschäftigen kann.
Burnsides dekonstruierte Sicht zeichnet ein Bild dessen, was Literatur,
so vertraut und doch immer fremd, tut, wenn sie unsere Aufmerksamkeit
erregt: Stillschweigend eine allgemeine Verschlechterung einräumend,
leistet sie dem Verschwinden trotz allem Widerstand. Hier ist die Zeit
in eine "Karte, das heißt, in eine räumliche Darstellung
übertragen worden, und für ein paar schwindelerregende Momente
kann der Schmerz in die Koordinaten eines größeren, bislang
unsichtbaren Systems verwandelt werden.
Was wir im Schmerz wünschen
ist Ordnung, den Eindruck eines Lebens,
das nicht zerstört werden kann, nur demontiert.
Aber auch wenn für einen Schriftsteller ausschließlich
der erste verstörende Antrieb zählt Überflutung
oder Bruch, Verzückung oder Hinterlist , nur das zweite Wort
wird jemals zählen. Literatur ist die Suche inmitten von Worten,
die bereits geschrieben sind für jene, die noch kommen. Unverzichtbar
ist das instinktive Kalkül: dem Schmerz muß mit geordneter
Zerstreutheit begegnet werden. Heutzutage aber legt man auf den Glauben
an die der Qual entsprungenen Eingebungen, auf den Unwillen, sich mit
einem nur fast gelungenen Ausdruck zufriedenzugeben, keinen gesteigerten
Wert. Die Anstrengung, ein Detail auszuschmücken, eine unerwartete
Redewendung auszuschlachten oder den Forderungen des Genres zu widerstehen,
bleibt meist ohne Wirkung. Viel zu häufig werden solche Texte für
weitschweifig, langatmig oder überfrachtet gehalten. Ihre Eigenarten
sind zu schwer aufzulösen, ihre Erkenntnisse unmöglich festzumachen.
Kurzum: als Produkt betrachtet sind Texte dieser Art zu anspruchsvoll
geworden und werden angesichts der abschreckenden Produktionskosten daher
auch nicht länger zum Konsum angeboten.
Wenn Literatur jedoch wirklich zählt, dann weniger des Gewinns als
des Verlusts wegen. So lautet das Gesetz eines jeden Textes, der lesbar,
das heißt unvorhersehbar, gemacht worden ist. Es gehört zu
den Paradoxen der Literatur, daß sie unser Leben bereichert, indem
sie von seinen Unzulänglichkeiten spricht. Trotz dieses üppigen
Widerspruchs, in der Not so reich, sind literarische Arbeiten selten mehr
als das Resultat eines plötzlichen Gefühls, einer Handvoll Irritationen
und ein paar nüchterner Aperçus. Was sie dazu befähigt,
uns dennoch zu beschäftigen, ist ihre Fähigkeit, diese Beschränkung
wesentlich erscheinen zu lassen. In diesem Sinne dürften nur wenige
Texte, die während dieser letzten Tage des zweiten Millenniums gedruckt
werden, als wichtig empfunden werden oder als in enger Beziehung zum Zeitgeist
stehend. Mindestens genauso bedeutsam muß man jene Texturen aus
Sinn und Zeichen vergangener Epochen finden, die es immer noch schaffen,
uns in ihrer verwegenen Art zu infizieren. Eine Redewendung Senecas, ein
Marvellscher Reim, ein Ansicht bei Nabokov oder Lispector liegen mir ebenso
am Herzen wie die Texte, die heutzutage um mich herum geschrieben werden
und nicht selten mehr als diese. Zu den Rechten des Schriftstellers
hat es immer gehört, die schlechtsitzenden Verkleidungen abzuschütteln,
die ihm von den Kritikern oder der Geschichte umgelegt worden waren. Die
Freiheit, den Erwartungen nicht zu entsprechen, ist sein einziges, dafür
aber bleibendes Vermögen.
Konsequenterweise kann das, was Literatur "in sein läßt,
nicht in ihrer Bereitwilligkeit liegen, mit ihrer unmittelbaren Umgebung
in Zeit und Raum gleichgesetzt zu werden, sondern nur in der Geduld, mit
der sie Eigenheiten über Jahre hinweg bewahrt. "Bedeutung
ist keine verderbliche Qualität, sondern die Einheit, in der wir
den Widerstand messen. Merkurhafte Gedankensprünge, begeisternde
Affekte, ausgelassene Eigenwilligkeit und glänzende Unaufrichtigkeit:
diese Werkzeuge stehen dem Schriftsteller zur Verfügung, wenn er
die Fallen stellt, mit denen er seine Leser zu überrumpeln hofft.
Es gibt sogar Zeiten, in denen sich die Literatur totstellen muß.
Aber auch Kaltherzigkeit ist eine Art, Farbe zu bekennen. Mallarmés
Azur kann auch auf frostzerbissenen Lippen spielen.
Das einzige Privileg, dessen sich die Literatur heute rühmen kann,
scheint mir zu sein, daß sie wie das h1n1-Virus weder neu noch modisch
zu sein braucht. Dennoch muß sie wissen, wie sie lebendig bleiben
kann. Literatur dieser listigen Art, die die liebevolle Wachsamkeit derer
zur Schau stellt, die inmitten unseres Daseins Fremde bleiben, hat erkannt,
daß sie nicht im Jetzt leben muß, um aktuell zu sein. Aber
ungeachtet dessen, ob sie heute, gestern oder vor 1000 Jahren geschrieben
wurde, muß sie ansteckend bleiben. Wir finden sie wenige Fuß
unterhalb der unberührten weißen Oberfläche, kühl
inmitten toten Zellgewebes den rechten Zeitpunkt abwartend, eine kunstfertig
angebrachte Gefahr, die nur auf die Neugier des Lesers wartet, um erneut
in den Kreislauf zurückzukehren. Wenn solche Lektüre, teilnehmend,
doch kaum tröstend, eines Tages entdeckt wird, liegt ihre Aufgabe
darin zu zeigen, daß ihre Rolle keineswegs ausgespielt ist. Was
bleibt, kann nur Geduld, Gelassenheit und der ausdrückliche Wunsch
sein, uns mit ihrer Daseinsart zu infizieren oder anders ausgedrückt,
mit einer Bezeichnung, die diese Überlegungen, ruhig und kühl
nach allzu vielen nervösen Herzschlägen, angeregt hat: sang
froid.
Ich habe versucht, den Nutzen kühler Beherrschung zu
beschreiben, indem ich nacheinander Geduld, Gelassenheit und Idiosynkrasie,
geordneten Wahnsinn und Hartnäckigkeit, Affekt, Gefühl und die
glänzenden Formen der Unaufrichtigkeit angeführt habe. Nach
meiner Rechnung ergeben diese Aspekte acht schimmernde Facetten der List,
die einst von Joyce verfochten wurde. Ich hatte damit begonnen, seinen
entfernten Vorfahr Homer zu zitieren, der Odysseus polótropos,
"gewandt in mancher Hinsicht genannt hatte. Um zum Ende zu
kommen, gestatten Sie mir, auf die Bedeutung einer so vieldeutigen Gewandtheit
zurückzukommen, die bisweilen sowohl schlüpfrig als auch unterirdisch
sein kann. Vielleicht werden Sie nicht ganz überrascht sein, sie
in ein weiteres, sagenumwobeneres Bild verwandelt zu finden: den Oktopus,
den Theogenis, wie in meinem Motto zitiert, einst als "komplex
bezeichnete.
Sollten Sie es merkwürdig finden, dieses vielfüßige Tier
im Zusammenhang mit einer Ansteckung der literarischen wie metaphorischen
Art genannt zu finden, bitte ich Sie, sich die Kalypso-Episode in der
Odyssee ins Gedächtnis zu rufen. Im 5. Buch des Epos wird Odysseus
in der Tat mit einem Oktopus verglichen, dessen Findigkeit einer harten
Prüfung unterzogen wird. Zwei Tage und zwei Nächte lang in die
hohe See geworfen, wird Odysseus endlich am dritten Morgen "erfaßt
von einer hohen Dünung und erhascht einen unerwarteten Blick
auf bewaldetes Land. Die Brandung jedoch "tobt wütend,
und gewaltige Wellen schleudern ihn gegen eine gefährlich "felsige
Küste. Homer räumt ein, daß Odysseus "bei lebendigem
Leibe gehäutet, seine Knochen zersplittert worden wären,
hätte Pallas Athena ihm nicht eingegeben, an einen Felsen zu klatschen
und diesen mit beiden Händen zu umklammern.
Verzweifelt nach Hilfe Ausschau haltend, klammert sich Odysseus an diese
Felsplatte, eher wie ein anthropoides Virus einem neuen Zellgewebe anhaftend,
und wird von wütenden Wellen gepeitscht. Schließlich erfaßt
ihn die Rückströmung der Brecher "in voller Wucht
und wirbelt ihn erneut "hinaus in die See. Endlich aber schafft
er es, in die Mündung eines Flusses zu schwimmen, der nahe der Stelle
verläuft, wo die tobenden Wasser weiterhin sein Leben bedrohen, und
er ist gerettet. Kurz zuvor jedoch, als Odysseus noch einmal ins Meer
geschwemmt wird, heißt es bei Homer:
Wie Kiesel, die in den Saugnäpfen eine Oktopus stecken
aus ihrem Versteck geschleift so starke Streifen von Haut
aus seinen klammernden Händen gerissen im Antlitz des Felsens.
Man könnte vermuten, diese zerfetzten, zerstückelten
Hautreste, dick wie die Kiesel, die in den Saugnäpfen eines Kalmars
stecken, seien nur das Ergebnis einer ungestümen Begegnung mit hohen
Wellen. Ich möchte jedoch vorschlagen, in ihnen auch eine Metapher
für Buchstaben und Lettern zu sehen für diesen ganzen
alphabetischen Abfall , die Schriftsteller auf entschieden sanftere,
doch nicht weniger furchterregende Oberflächen verteilen: jene unberührte
Küste, die wir ein Blatt Papier nennen. Zumindest wäre es verführerisch,
diese menschlichen Trümmer als ein Zeichen dafür zu lesen, wie
unerträglich leicht Literatur sein kann.
Wenn diese Analogie Ihnen für Ihr philologisches Wohlergehen eine
Spur zu gewagt erscheint, sollten Sie sich ins Gedächtnis rufen,
daß der Oktopus, dieses ruhigen Gemüts im Wasser lebende Rätsel,
dessen listige Tentakel sich weit und breit ausstrecken und das seiner
Umgebung in so schlüpfriger Anmut anhaftet, das Tier schlechthin
mit sang froid ist in dessen Venen das kalte Blut fließt,
das wir Tinte nennen.
Aus dem Englischen von Beate-Ursula Endriss ; Überarbeitung
Paul Berf
Vortrag auf dem Internationalen Schriftstellertreffen in Berlin (Dezember
1998)
|
|