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. . . Lazarus Brüder sind Figuren, die auf der Innenseite
unserer Augenlider wandern Bewegungen schwebend wie Aromen, Gestalten
flüchtig wie Tau oder Tränen, ein aschfarbener Abstand, an jenen
Schatten erinnernd, den der Horizont nicht wirft. Sie bleiben uns nie
erhalten. Die Augen zu öffnen ist das Gleiche wie eine Null zu dividieren.
Dennoch ist diese Null in gewisser Weise, auch wenn sie nicht ist. Und
ist ist sie nicht. Sondern ein Name wegen des Fehlens eines Namens
und ein Name des Fehlens eines Namens. Eine Bezeichnung, unpassend wie
die großzügige Gloriole eines Schulmädchens über
einem großgeschriebenen I. Sie hat nichts dort zu suchen. Denn 0
zeigt Abwesenheit und Leere an; in einem System von Zeichen, dem ansonsten
ein Wort für Mangel mangeln würde, hält sie Nichts an ihrem
Platz.
Vor dreizehnhundert Jahren wurde diese eigenartige Figur von einem der
Regale im indischen Zahlensystem herabgenommen, poliert und dem Kamel
eines arabischen Handlungsreisenden um den Hals gelegt. Er hieß
weder Mustafa noch Abdul. Daraufhin legte sie eine mühevolle Reise
durch Wüsten, trocken wie die Häute, auf denen sie häufig
geschrieben wurde, und über Gewässer, bodenlos wie ihr eigenes
Innere, zurück. Bis sie die westlichsten Grenzen des Kontinents erreichte
und sich langsam in der arabischen Mittelmeerkultur ausbreitete. Das Europa
der Christenheit aber konnte mit der Zahl nichts anfangen und verwarf
sie. Auch theologische Beweggründe spielten hier eine Rolle, zumindest
in dem Maße, wie diese sich auf Prinzipien aus der griechischen
Philosophie stützten, in der eine Schöpfung ex nihilo undenkbar
war. Nicht vor dem vierzehnten Jahrhundert, als Kapitalisten im Norden
Italiens die merkantile Bedeutung der Zahl erkannten, fand die Null europäisches
Gehör. Für die Handelsreisenden, Architekten und Wissenschaftler
der Renaissance war eine bewegliche und abstrakte Arithmetik eine notwendige
Voraussetzung für wirtschaftlichen und technologischen Erfolg, was
zur Folge hatte, daß die arabische Mathematik nicht mehr der gleichen
Art kultureller Zollschranken unterworfen werden konnte wie andere importierte
Güter, und dadurch nicht mehr daran gehindert wurde, auf jenem Markt
eingeführt zu werden, den sie wie man jetzt begriffen hatte
neu aufbauen könnte. Die doppelte Buchführung und ein
zunehmender Wunsch, zukünftige Gewinne und Verluste kalkulieren zu
können, führten bald dazu, daß die indischen Zahlen die
römischen völlig verdrängten. Die Rechentafel wurde zur
Seite geschoben, Papier und Stift gelangten zu Ehren und die gestische
Rechenoperation wurde durch eine graphische ersetzt. Eventuelle Einwände
wurden mit Hüten so spitz wie das Ende einer Hypotenuse zum Schämen
in die Ecke gestellt.
Aber diese baumwollweiche Revolution hatte auch zur Folge, daß die
Null geschrieben werden mußte. Auf der Rechentafel der Römer
wurde sie durch eine Abwesenheit dargestellt, die zwar verwandt, aber
niemals erwähnt wurde. Sie war eigentlich kein Zeichen, sondern allein
die Abwesenheit eines Steins oder Holzstücks auf einer oder mehrerer
Schienen des Rechenbretts. Durch die Einführung der arabischen Mathematik
aber in der 0 ein bestimmtes Zeichen in einer festgelegten numerischen
Reihe ist, das unabhängig von seiner physischen Verkörperlichung
existiert bekam die Null sowohl einen Namen, wie auch ein Gesicht
. . . nothing can to nothing fall, / Nor any place be empty quite . .
. und nahm von nun an in Anspruch, buchstäblich für das Nichts
zu stehen: 0 wurde der Ort für das, was genaugenommen keinen Platz
hatte. Eine Ortsangabe so leer wie ihr eigener Anfangsbuchstabe. Und damit
ein Rätsel und eine Lüge; aber auch eine Wahrheit.
Somit läßt sich sagen, daß die Null eine doppelte Funktion
erfüllt. Sie steht für das, was die Mathematiker "die leere
Menge nennen, das heißt die Klasse der Abwesenheit einer bestimmten
Art von Gegenständen, aber bezeichnet auch den Beginn eines Prozesses.
Zum einen ist sie eine Kardinalzahl, zum anderen eine Ordnungszahl. Das
lose Ende eines Seils oder der Kreis den dieses ausgebreitet auf dem Boden
bildet. In beiden Fällen muß Null jedoch als eine Zahl betrachtet
werden, mit der die Abwesenheit von Zahlen bezeichnet wird: sie verweist
auf den Ursprung einer (leeren) Quantität oder jenen Punkt, der die
Möglichkeit von Vorläufern ausschließt. Sowohl Container
als auch Markör, Badewanne und Schwimmer. Es ist unvermeidlich, sich
die vorige Figur als Zirkel, Kringel oder Kreis vorzustellen; die letztere
kann nur als Markierung, Wunde oder Punkt gedacht werden. Ring und Fingerspitze.
Ein Katalog über alles, was diese doppelte Null nicht ist
die endgültige leere Menge müßte demnach wie zwei
miteinander verschlungene Schlaufen nicht nur ohne Ende sein, sondern
auch das enthalten, was sie nicht ist, ohne sich deswegen davon ausfüllen
zu lassen. Sie reflektiert die Leere der Unendlichkeit auf die gleiche
Art wie das pincenez der kurzsichtigen Französischlehrerin
in Nabokovs blauer und blaueren Kindheit.
Null ist also kein weißes Pflaster, keine Gliederpuppe, kein Luftmensch.
Sie ist weder eine schwache Nummer, die Temperatur, bei der Wasser gefriert,
noch der Schnittpunkt zwischen Horizont und schreibendem Stift. Ein Blankobuch
oder ungefüllter Füllfederhalter ist nicht nichts, die Person
vor dem leeren Blatt keine Null, auch wenn das Schild auf ihrer Tür
den Briefträger dazu auffordert, alle an Null adressierten Briefsendungen
dort abzuliefern; die Abwesenheit von Tageslicht in dem Zimmer, in dem
sie sitzt, ist nicht nichts, auch die Stille, in die sie hineinlauscht
ist nicht unbefindlich, so wenig, wie ihre eventuelle Durchbrechung kein
schöpferisches Moment ist. Weder eine Glatze noch der Nabel in eines
kugelrunden Bauches sind Null. Der Schaltknüppel in Leerlaufstellung
zeigt nicht an, daß er auf Null steht, oder eine glücklich
geschiedene Ehe, daß sie ohne Verlust und Gewinn gewesen ist. Null
ist nicht der lautlose Ruf des Überraschten oder das leere Umhertasten
des Liebeskranken. 0 ist so wenig die ständig erneuerte Anrede aus
dem Mund des zuletzt genannten ein Apostroph so ausgehöhlt
wie die Zähne im Mund der Naschkatze wie jener Rettungsring,
der dem erstgenannten zugeworfen wird, wenn er erstaunt begreift, daß
das Wasser tiefer und aufgewühlter ist, als er angenommen hatte.
Null ist nicht die Insel, auf der der Schiffbrüchige sich dreizehn
Jahre lang von Wurzeln, Beeren und vereinzelten Fischen ernährte,
nicht das Floß, auf dem er diesen Ort der Einsamkeit verließ
oder jenes Loch, welches der schlecht befestigte Mast hinterließ,
das sein Fahrzeug zum Sinken brachte oder der Äquator, an
dem er von einem Schoner gerettet wurde, auf dem sich ein Schiffer in
blauem Hemd, zwei Matrosen in Jacketts mit Silberknöpfen (auch sie
nicht null) und eine Frau mit einem Kind an ihrer Brust befanden. Null
ist nicht Gott.
Obwohl ehrgeizige Studenten ihre neuen Kameraden in den ersten Wochen
des Herbstes auf Schwedisch zu "nullen pflegen, und der Elektriker
dasselbe tut, wenn er die Steckdose erdet, sind ihre Aktivitäten
weder gleichsetzbar noch nichtig. Null ist nicht das, was sich nicht unter
dem Bett des Kindes, das Angst vor der Dunkelheit hat, befindet, nicht
der Abdruck, den hohe Absätze auf weichem Untergrund hinterlassen,
oder der unregelmäßige Rand der Zähne in einem Käsebrot,
das nicht aufgegessen wurde. Sie ist nicht das Rauschen, das auf Krapps
letztes Band folgt, nicht die Stille, die eintritt, wenn der Zug den Bahnhof
verlassen hat, noch der Tunnel, in dem er sich befindet, während
er den Weg unter jenem Fluß nimmt, auf dem ein Fahrzeug ohne Mast
soeben sinkt. Die Rückkehr des Odysseus nach Ithaka beschreibt keine
Null, obwohl sein Name mit jenem Buchstaben beginnt, mit dem die Zahl
so oft verwechselt wird, und obwohl er sich selbst Niemand nannte, um
dem Hunger des Zyklopen zu entfliehen. Null ist nicht die Urne in der
Mitte ihres Zeichens, die die Leere der Zahl umschreibt. Auch nicht das
einzige Auge des Riesen, das schleimende Loch, nachdem es ausgestochen
wurde (die Backen herablaufend wie eine Art trägerer Tränen),
oder seine maßlose Wut. Null ist nicht die Kerze, wenn sie zu einer
warmen Suppe in der Mitte des Kerzenständers heruntergebrannt ist,
noch Ophelias Schoß, in dem Hamlet seinen Kopf ruhen lassen wollte.
Und sicher nicht das dunkle Loch, das enststand, als eine Eiche in einem
heftigen Sturm vor ein paar Monaten entwurzelt wurde, oder jenes leere
Kuvert, das Herr Null aufreißt. Und am wenigsten von allem ist sie
der Saltomortale, den der Trapezartist macht, bevor er wieder die Hände
seines Kollegen ergreift, die nicht Null sind.
Null mal Null bezeichnet auch nicht die Zahl der Kreise in Dantes Hölle,
nicht die Stockwerke in einem Aufzug, die Ringe eines Glases auf einem
Tisch aus Glas, Träume von Träumen oder platte Fahrradreifen,
nicht die Abdrücke der Glühbirnen auf der Netzhaut, wenn die
Augen wieder geschlossen werden, nicht Brüste ohne Säuglingsmünder
oder Säuglingsmünder ohne Brüste. Nullen sind weder die
Spiralen in einem Spiralblock oder aufgeblähte Wangen, Eiswürfelbereiter
ohne Wasser oder das Wort ohne in Wiederholungen ohne Ende. Auch Eier,
Münzen und Königskronen sind nicht null und nichtig oder
Backformen, Ohren, Hoden, Sonnenfinsternisse und Sonntage. Nullen sind
keine Knopflöcher.
Der entscheidende Punkt weder null noch nichtig ist offensichtlich.
Ein Katalog über alles, was die Zahl nicht ist, bleibt unerschöpflich,
denn auch, wenn es uns gelänge, alle Alternativen aufzuzeigen und
jedes einzelne Detail, jeden Aspekt und Gegenstand aufzuführen, der
nicht 0 ist, uns selber inbegriffen, so würde die Liste selbst übrigbleiben
auch wenn wir sie als letzten Posten selbst einschlössen,
bevor sie endet. Was bedeutet, daß unser Katalog, wie ausführlich
er auch erscheinen mag und er muß den Anspruch erheben, erschöpfend
zu sein keine leere Menge bereitstellt und damit nicht Null ist.
Er muß außerhalb seiner selbst fallen, wie die Ringe, die
ein springender Stein auf der Wasseroberfläche hinterläßt.
Null ist nicht Null ist . . . nicht Null . . . ist . . . nicht . . .
Dennoch ist diese Zahl verschlagen wie ein Autoverkäufer, wenn es
darum geht, dies zu verbergen, denn wenn wir unsere Erkenntnis nach mathematischer
Manier niederschreiben 0+0+0+ . . . (oder auch 000
. . . ) bleibt das Resultat trotz allem =0. Wie bei russischen
Puppen verbirgt jede Null die Null, die sie nicht ist, unter dem Saum
des Rocks.
Die Null ist also, wenn es hoch kommt, ihre eigene Division, ohne daß
die Zahl deshalb gerade und der Schrägstrich zwischen den beiden
Leerstellen 0 und 0 werden könnte. Wie eine geschlossene Schere.
(Aber hier könnte man sich sicherlich unanständigere Metaphern
vorstellen.) König Lear an O without a figure, a nothing
konnte diese eigenartige Gleichung nicht begreifen, was ihn alles, was
er besaß, kostete, inklusive Reich, Augenlicht und Verstand. Kurz
vor dem Ende von Shakespeares Stück versucht diese Unfigur Cornelias
Herz dadurch zu bewegen, daß er eine Art Familienphantasie heraufbeschwört,
die genauso supekt ist, wie die Metapher, die wir nicht aufgreifen wollten:
ein "Gefängnis, in dem die beiden alleine gleich "Gottes
Spionen "singen werden wie Vögel in einem Bauer.
Lears Traum spricht von einem Ort, den es in keiner Geographie gibt, dem
alle Karten fremd sind und der in jeder Topographie fehlt. Eine Zelle
hinter den schweren Gittern aller Dinge (I I I I I I). Es ist ein Ort
aus Ermangelung eines Ortes, jenseits des Lärms der Wirklichkeit,
unerreichbar für die Fangarme der Macht oder Vergänglichkeit
der Zeit. Hier können Vater und Tochter in unwirklicher Unberührtheit
leben. Also eine Grauzone, am ehesten wohl eine Heimstatt für Gespenster,
wo alles "sozusagen geschieht. An diesem ortlosen Ort (noch
ein Posten auf unserer Liste diesmal das gerundete U in allem,
was unmöglich ist) glaubt Lear, zusammen mit Cordelia als heimlicher
Agent und Stellvertreter leben zu können das heißt als
Zeichen für Zeichen. Am Ende läßt Shapesphere, wie ihn
Finnegans Wake heißt, Lear also den schaurig flüchtigen Charakter
erkennen, durch den das nothing, das er nun selbst verkörpert, gekennzeichnet
ist. Was natürlich zu spät ist; König Lear, leer wie noch
niemand, ist sein eigener Mangel geworden . . .
Aus: Das graue Buch (Stockholm: Norstedts, 1994)
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
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