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Das Jahr 2000 naht Tag für Tag, und irgendwie ist immer
noch nicht klar, was man denn nun davon halten soll. Wie jedes Großereignis
wirft es seine Schatten voraus. Es war schon mehr ein Wink mit dem Zaunpfahl,
als die Astronomen uns neulich eine Sonnenfinsternis voraussagten. Da
wehte einen schon sowas an, so ein Hauch von Endzeit und Apokalypse.
Doch die von allen Medien angeheulte "Sofi" war
seien wir mal ehrlich ein Flop. Und die einzige Angst, die
sie unter den Menschen wirklich auslöste, war schlußendlich
die, daß das Jahr 2000 irgendwie genauso sein könnte: ein bißchen
kühl, bedeckt, schwach windig, und alle haben sich vorher für
teures Geld Brillen und anderes Gerät gekauft, das sich als völlig
unbrauchbar herausstellt.
Zum Beispiel Computer. Erschreckend ist doch nicht, daß
pünktlich zum Neuen Jahrtausend sämtliche Rechner abstürzen,
erschreckend ist vielmehr, daß diejenigen, die diese Dinger noch
vor ein paar Jahren programmiert haben, offenbar nicht damit gerechnet
haben, daß die Menschheit das dritte Jahrtausend jemals erreicht.
Gerade in der Computerbranche einem Wirtschaftszweig, der sich
mehr als alles andere der Zukunft verpflichtet fühlt herrschte
anscheinend bis vor kurzem die Ansicht, daß Mensch und Maschine
über die 90er Jahre nicht hinauskommen.
Anders das Theater, dezidiert keine Zukunftsbranche, aber
immerhin schon seit zweieinhalb Jahrtausenden auf dem Markt. Inmitten
der Globalisierungen und Modernisierungen fragt es beharrlich altmodisch
nach dem Individuum. Was ändert sich eigentlich für den Einzelnen?
Was soll, was kann er tun? Besteht Hoffnung, daß die guten Vorsätze
des Individuums Sylvester 2000 stabiler sein werden als all die Jahre
davor? Fragen, die man sich vom Theater gefallen lassen muß.
Die Gegenfrage ist, wie lange noch.
In der Tat ist es so, daß eine gewisse Ernüchterung
eintritt, sobald man das Ich und das Dritte Jahrtausend zusammendenkt,
vor allem, wenn es sich um das eigene Ich handelt. Schnell verläßt
einen der frohsinnige Optimismus, daß sich alles ändern wird,
denn das würde ja bedeuten, daß man sich ändern müßte.
Und je klarer man sich diesen Sachverhalt vor Augen führt, desto
mehr verliert das Jahr mit den drei Nullen seine utopische Qualität.
Auch die Apostel des Internets scheinen die Hoffnung aufgegeben
zu haben. Einige sitzen noch immer mit christlicher Geduld vor ihren Monitoren
und warten darauf, daß sich die angeklickten Webseiten, von denen
sie schon immer nichts wissen wollten, allmählich aufbauen. Aber
auch die Hartgesottensten unter den Internet-Reisenden, die sich nach
wie vor "Surfer" nennen und nicht was der Realität
mehr entsprechen würde x "Mauswanderer", verläßt
allmählich der Glaube daran, das Ich verändern zu können.
Es geht nur noch darum, es zu vernetzen. Nachdem der angekündigte
Tod des Subjekts Anfang der Neunziger nicht eingetreten ist, scheint dies
die einzige Möglichkeit, der Niederlage des Alleinseins zu entgehen.
Vernetzte Einsamkeiten. Aber auch dies kann schwerlich darüber hinwegtäuschen,
daß es das Ich 2000 ohne uns nicht geben wird. Ein deprimierender
Befund. Aber für das Theater läßt er hoffen.
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