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Unten kreischen die Senij. Sie kreischten nicht. Zirpten nicht. Geschweige
denn sangen sie. Ton "kaputte Kühlanlage". Wie der Ventilator
außen am Supermarkt, direkt über dem Regal mit den Mangas.
Im Schaufenster war das Regal mit den Mangas von hinten zu sehen. Von
vorn, ab 22.00 Uhr, wenn sie von der Arbeit heimgingen, waren, im Schaufenster,
die Manga-Leser zu sehen. Männer und Frauen. Geduldig. Die Hefte
waren schließlich dick. Und jeder dritte Laden ein Supermarkt. 24
hours. 24 hours kreischen die Zikaden. Tag oder Nacht war ihnen egal.
Oder eins. Wie sollte man sagen. Sie fraßen nicht. Sie lebten in
purem Sex. Fielen von Blättern, paarten sich, starben. Nur Regen
mochten sie nicht. Dann machten sie eine Pause. Wahrscheinlich versagte
die Schrillmechanik, wenn die Luftfeuchtigkeit 97% überstieg. Die
Manga-Leser waren vor dem Regen in den Supermarkt geflüchtet. Aufgewärmte
Sushi. Chicken wings. Im Labor über ihnen, 43. Stock, teilten virale
Gentaxis sich alle 20 Minuten. Exponentielles Wachstum. Die Senij verbrachten
sechs Jahre ihres Lebens unter der Erde. Jetzt flogen sie, handtellergroß,
dunkelpolierte Dosen, taumelnd durch die Nacht. Die Kinder liefen mit
Schmetterlingsnetzen zwischen die Bäume. Manche schauten den Paarungen
zu. Beim Fangen schienen sie jedoch nicht zielvoller vorzugehen als andere,
die nicht zugeschaut hatten.
Lautlos fuhr die U-Bahn ein. Die Fahrpläne wechselten, je nach Betreiber,
Farbe und Himmelsrichtung. Warum sollte Norden immer oben sein? An den
Haltestangen im Wagen schwangen bunte Werbeplakate, drei in einer Reihe.
Der Zug fuhr ohne Schaffner. Niemanden hielt das, wie in Old Europe davon
ab, ihn zu benutzen. Am Frontfenster standen die Kinder mit ihren Netzen
und fingen die Strecke ein. Flugzeuge schief, schräg, hingen jede
Minute über dem Fluß. Sie machte ein Foto. Die Kinder hatten
einen Senij aus dem Netz gezogen. Ein Mädchen hielt ihn fest, ein
anderes drückte. Der Senij streckte seine Füßchen ab,
einen nach den anderen. Dann den Flügel. Nur einen. Als kleines schwarzes
Zeichen lag er auf der Hand.
Sie ging in ein Café, dritter Stock. Unten eine Kreuzung, fünf
Richtungen. Leute liefen zusammen, verteilten sich. In der Ecke ihr gegenüber
stand ein Automat. Aus jedem Land ein Lied. Ihre 100 Yen klickerten durch
den Zahlmechanismus, laut und hell, wie Kugeln durch Pachinko-Maschinen:
Am Brunnen vor dem Tore,
Da steht ein Lindenbaum;
Ich träumt' in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.
Das Labor, 24 hours, hoch oben im Wolkenkratzer, kratzte an Enzymen. Der
Japaner, der nach ihr den Automaten bediente, hielt ein Mangaheft unterm
Arm. Sie schaute auf ihre Uhr: 22.24. Sie ging. Die Auslage einer deutschen
Bäckerei warb mit perfekt glasierten Aprikosenhörnchen. Knallorange.
Im 43. Stock brannte noch Licht. Bald begann das neue Jahr. Hessei 12.
Epochenname Nr. 247. Die Senij kreischen. Ende August starben sie. Alle
auf einmal. Die Aprikosenhörnchen war bestens zu sehen, doch zweifellos
würden sie dort, wo sie waren, nicht lange bleiben.
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