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Marcel Beyer
 

 

 

25.5.1999


 

 

Auf den Bildern ist demzufolge allein dies zu sehen: Da ist der südlich gelegene Teil des Geländes, aus einer gewissen Höhe aufgenommen und so die im früheren Barackenbereich, auf den verschütteten Fundamenten gewachsenen Bäume und das Buschwerk überragend, als Horizont den Saum des Kiefernwäldchens, beim Bau des Lagers zum Sichtschutz gesetzt, im Rücken die Pappel- und Birkenallee, aufgenommen von einem der heute an mehreren Stellen auf dem Lagergelände errichteten Hochsitze (kein Anhaltspunkt aber dafür, daß jene kolorierten Porträts und Profile von jungen Frauen in Stadtkleidern oder auch dekolletiert, einmal in einem Buch blätternd, einmal dem Betrachter zugewandt, je nachdem versonnen, konzentriert, einladend, wie sie eine von Kriegsgefangenen aus Bast oder doch eher aufgetrenntem Seil gefertigte Schatulle zieren, tatsächlich von dem stammen könnten, der während seiner Zeit in diesem Lager mit aller Sorgfalt, die er dafür habe aufbringen können, Zeichnungen von entkleideten jungen Frauen in unmißverständlichen Haltungen angefertigt haben will, um sie gegen Päckchen mit schlechtem Tabak zu tauschen), da ist, zu ebener Erde, zwischen Grasbüscheln hindurch gesehen, deren einzelne Halme, weiß punktiert an manchen Stellen, im Vordergrund verschwimmen, das in einer Senke liegende Schlammloch, auf den Plänen einmal als Schwimmbad, einmal als Löschwasserteich verzeichnet (kein Anhaltspunkt aber dafür, daß ihm bei diesem Handel ein Zuhälter aus Oran hilfreich zur Seite gestanden hat), wie alle anderen Bilder getreu dem Vorsatz aufgenommen, sich an die Gegebenheiten zu halten, sich auf die Tatsachen zu beschränken, ohne noch etwas zu erfinden (keine zusätzliche Unterhose im Gras), ohne das Vorgefundene auszuschmücken und zu arrangieren (keine zusätzlichen Streifen, Flecken, kein Spitzenbesatz und kein gerissenes Wäscheband) – womit die Aufnahmen einer Vorgabe folgen, die für das Abgebildete in gleicher Weise zu gelten scheint (das Wäldchen, das Gestrüpp weitgehend in der Form zu belassen, wie es vorgefunden worden ist, um nichts ergänzt, nur um ein wenig von der Überwucherung reduziert), ein Vorsatz, der sich, genau betrachtet, ebenso für jene Heftchen behaupten ließe: Auch wenn es sich bei den Bildern darin grundsätzlich um Arrangements handelt (in Szene gesetzt zwar, keinesfalls aber bloße Darstellung, Vorgabe), zeigen sie doch allein Tatsächliches, halten sie sich an wahrnehmbare Gegebenheiten, ohne jede Verschönerung (abgesehen vielleicht von der in mehreren Schichten aufgetragenen Schminke, von den möglicherweise verwendeten Perücken, sofern man diese denn als Verschönerung gelten lassen will), zudem mit äußerst spärlicher Dekoration (wie man sie eben in den Wohnungen vorzufinden scheint, wo solche Bilder aufgenommen werden: Bettvorleger mit geometrischen Mustern in Braun und Grün, verschieden geblümte Kissenbezüge, auf einer Phototapete vielleicht ein Birkensaum), nur das Geschehen, unbeschönigt, roh, ergänzt höchstens um knapp gehaltene Unterzeilen oder Sprechblasen, deren Inhalt jedoch kaum der Erläuterung oder gar der Erweiterung dienen soll, dem Sichtbaren keine zusätzliche Ebene verleiht, sondern vielmehr die Transkription unartikulierter Laute, Laute als Ausdruck eines Verlangens, das selbstverständlich gespielt ist (die Bilder zeigen jedoch auch noch dies, schließlich wird nicht verhehlt, daß es sich eben um gespieltes Verlangen handelt).