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Marcel Beyer
 

 

 

25.5.1999


 

 

Als wir am Rand des Geländes (nun keine Klippe, kein Tal, kein Versteck, vielmehr – in einer anderen Gegend – eine Ebene, sandig, und – abgesehen von den vor mittlerweile sechzig Jahren angepflanzten und längst zu einem Wäldchen herangewachsenen Kiefern, Eichen – weithin überschaubar) auf eine Erdaufschüttung mit dem Namen Alte Schanze stoßen, ist uns damit dennoch kein Anhaltspunkt gegeben.
Auch wenn hier Wegweiser und Hinweisschilder stehen (»Zur Großlatrine«, »Lazarettbereich«, »Baracke Nummer 14« oder »Kultura« – und dahinter erstreckt sich nur mehr Dickicht), auch wenn es Tafeln mit Erklärungen und Skizzen gibt: Nicht die in jüngster Zeit aufgedeckten Überreste eines Kriegsgefangenenlagers, sondern gerade die zu deren Sicherung erfolgten Eingriffe (nicht ein Nachbau, nicht eine Rekonstruktion auf der Grundlage von – durchaus vorliegenden – Photographien und Plänen, wie sie der eine oder andere Lagerinsasse im Geheimen angefertigt hat, sondern das Freilegen von Fundamenten, Grundrissen, Nachtabortgruben), die also nur dazu verhelfen sollen, eine Erinnerung an das frühere Lager wach zu rufen, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich: Der mit Schotter befestigte Verlauf der Lagerstraße, die Abdrücke von Ziegeln im Barackengrundriß, wo offenbar der ursprüngliche Bodenbelag nicht umgehend nach Auflösung des Lagers, sondern erst kürzlich abgetragen worden ist. Oder man hat, da doch ein Gittermuster, wie es eine Fläche von Backsteinen hinterläßt, in Regen und Frost längst hätte verschwimmen, verwittern müssen, das Relief – von Hand, mit einzelnen Ziegeln – noch einmal in die weiche Erde geprägt.
Möglich ist aber, daß diese Strukturen, während sie den Blick auf die Reste des ehemaligen Lagers zu verstellen scheinen, als sorgfältig verteilter Schotter, als ebenmäßig grob gehäckseltes Holz doch zugleich etwas von einem Lager nachempfinden. Möglich, daß sie ein eigenes, gegenwärtiges, auf das Gebiet des früheren Lagers zusätzlich aufgetragenes Lager bilden, in sauber gezogenen Bahnen und Rechtecken mit klar geschnittenen Rändern, als würden die Konturen regelmäßig nachgezogen, als würde regelmäßig alles wieder auf den ihm einmal zugewiesenen Platz zurück geharkt, was an Brocken, Spänen durch Menschen- und Tiertritte, durch Wind oder Regenwasser mit ebensolcher Regelmäßigkeit (an jedem Sonntag die Besucher, bis in jeden April der Frost) in jenen Bereich hinüber gerät, der dem Gras, den Sträuchern, den Bäumen vorbehalten sein soll, die das lange brachliegende Gebiet überwachsen haben, so daß nichts mehr auf ein Lager hindeuten würde, hätte man nicht einige Abschnitte gezielt