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Auslöser. Vier, fünf mal hintereinander. Der Spiegel klappt
zurück. Dahinter das Bild auf der Filmebene. Seitenverkehrt. Auf
dem Kopf stehend. Verschlußzeit.
Sophies Zähne durchtrennen den äußeren Mantel. Wie immer:
erst das goldene Papier ab, dann die Mandeldecke hochheben, bis die Waffelschale
offenliegt. Sie schlägt die Beine übereinander. Ihre Mutter
hat jetzt angefangen zu erzählen. Die Geschichte ihres Großvaters.
Obwohl niemand da ist, der die Geschichte noch nicht kennt. Wie jedes
Jahr.
Sophie läßt sich zurückfallen und betrachtet den goldschimmernden
Haufen auf dem Tisch. Lauter kleine Schädeldecken. Daneben Objektive,
Filter, ein paar Gehäuse.
Sie beobachtet ihren Vater, wie er die 300er Optik in der Linken balanciert
und sich den Gurt über die Schulter zieht; mit zusammengekniffenen
Augen durchquert er das Zimmer. Sieh mich an, denkt sie, noch bevor sie
das Aufnahmelicht der Videokamera bemerkt, die vor der geöffneten
Wohnzimmertür auf ein Stativ geschraubt ist und den gesamten Raum
überblickt: Hinten den Tisch mit ihrem Geschenk. Im Vordergrund die
Sitzecke; ihre Mutter mit dem Rücken zur Kamera, sie selbst im Profil,
wie sie ihren Sessel jetzt nah ans Fenster rückt. Und natürlich
ihren Vater, der ständig in Bewegung ist, um alles einzufangen, Jäger
und Sammler kostbarer Momente, Verwalter eines lückenlosen Familienarchivs.
Gerade fokussiert er Sophies Mund, der sich um die Schokoladenkugel schließt
und kurz zuckt. Er sieht das Zucken, während Sophie spürt, wie
ihre Zunge die Waffelhülle durchdringt und in die weiche Schokolade
taucht, die den eigentlichen Kern umhüllt. Dann wieder Auslöser.
Sophies Großvater war Ingenieur. Mit Sechzig bekam er eine Krankheit,
die ihm seine Erinnerung nahm, und in den letzten Jahren seines Lebens
schrieb er dicke Notizbücher voll, die ihm seine Sprache retten sollten.
Am Anfang kannte ihr Großvater noch die meisten Worte. Er hatte
keine Probleme, in ein Geschäft zu gehen und die Dinge zu benennen,
die er brauchte. Doch mit den Jahren fiel es ihm immer schwerer, sich
an bestimmte Begriffe zu erinnern. Wenn er zum Beispiel Batterien für
sein Radio brauchte, ging er in ein Elektrogeschäft und sagte, ich
brauche das, was man haben muß, um sich beim Baden gut zu behandeln,
denn er hörte gern Musik, während er in der Badewanne saß.
Natürlich konnten die Verkäufer im Elektrogeschäft nichts
damit anfangen. Sie verstanden ihn nicht und schickten ihn in einen Sanitärladen,
wo man ihm derart aufdringlich einen neuen Duschkopf verkaufen wollte,
daß ihr Großvater traurig wurde und nach Hause ging.
Als er dann eines Tages im Supermarkt zufällig Batterien sah, nahm
er die Verpackung und schrieb sie ab. Er schrieb den gesamten Text der
Batterieverpackung in sein Notizbuch, weil er nicht wußte, welches
der vielen Wörter die richtige Bezeichnung für das war, was
er haben wollte. Über den Packungstext schrieb er in allerbester
Ingenieursstandarddruckschrift: Das muß ich sagen, wenn ich das
Gerät brauche, das mich beim Baden gut behandelt. Diesen Satz
unterstrich er mit Hilfe eines Lineals in zwei Farben, und darunter schrieb
er: Daimon Sparpack 4 x 1,5 V Mignonzellen. Hält entscheidend
länger als herkömmliche Zink-Kohle Batterien, und bei allen
künftigen Besuchen im Elektrofachhandel las er dem Verkaufspersonal
diesen Text vor.
Das ging eine Weile gut. Aber mit der Zeit war seine Krankheit so weit
fortgeschritten, daß er sich auch an die Bedeutung des Wortes "Baden
nicht mehr erinnerte. Er mußte immer mehr Worte durch andere Worte
ersetzen. So übertrug er von Notizbuch zu Notizbuch seine Gebrauchsanleitungen
für das tägliche Leben, und er umschrieb fast jeden Begriff
durch die Verwendung des Wortes "behandeln; er schachtelte
zahllose Relativsätze ineinander, in deren Zentrum es immer etwas
zu behandeln gab. Wenn er auf der Suche nach seinen Schlüsseln war,
zog er seine Frau am Ärmel, deutete auf die Tür und sagte, ich
muß etwas haben, um das zu behandeln. In der Sparkasse wollte er
Geld abheben und sagte der Bankangestellten, er brauche das Gerät,
das ihn immer gut behandele, und die Leute in den Geschäften fingen
an, die Polizei zu rufen, wenn er auftauchte.
Einmal saß er in einem Linienbus und fuhr von Endstation zu Endstation,
weil er vergessen hatte, wo er aussteigen mußte. Plötzlich
setzte sich seine Frau neben ihn. Sie war gerade vom Einkaufen gekommen
und wollte nach Hause fahren. Sie sah ihn nicht an, und sie sagte auch
nichts. Es war zwar ungewöhnlich, daß sie im Bus ihren Mann
traf, aber sie hatte ihm schon lange nichts mehr zu sagen. Was die Gespräche
anging, war mit ihm kaum noch was anzufangen. Seine Frau regte sich immer
furchtbar auf, wenn er die Dinge nicht beim Namen nennen konnte und schrie
ihn an, er solle endlich lernen, sich richtig auszudrücken. Sie haßte
es auch, wenn sie ihn dabei erwischte, daß er Büroklammern
durchpauste und den Zettel im Geschäft vorzeigte. Sie schämte
sich dann für ihn. Als eines Sonntags mehrere Verwandte zu Besuch
gekommen waren, hatte ihr Mann vor den Augen aller einen Finger in die
Torte gebohrt und gesagt, ich muß erst prüfen, ob mich das
gut behandelt. Sie hatte ihn für den Rest des Tages in sein Zimmer
gesperrt wie einen kleinen Jungen und ihn erst wieder rausgelassen, nachdem
er versprochen hatte, daß so etwas nie wieder vorkommen werde.
Als der Bus an der Station hielt, wo sie aussteigen mußten, nahm
sie seinen Ärmel und drückte ihm zwei Einkaufstüten in
die Hand, weil sie wollte, daß er ihr beim Tragen half. Doch ihr
Mann erkannte sie nicht und tobte und schrie, sie solle ihn in Ruhe lassen,
er hätte sie noch nie gesehen. Von da an erzählte er seiner
Enkelin, daß er seiner Frau längst den Hals umgedreht hätte,
wenn er nicht so ein gutmütiger und intelligenter Mensch wäre,
und daß seine Enkelin ihm das Liebste auf der Welt sei, sie und
die Musik aus dem Fernseher, die ihn so gut behandele. Ihr Großvater
sah nämlich mit Vorliebe Musiksendungen, und auf dem Fernseher standen
drei goldgerahmte Portraitfotos von Sophie. Jedesmal wenn sie kam, packte
er sie am Handgelenk, zog an ihrem Ohrläppchen und betastete ihren
Schädel, denn ihr Großvater konnte aufgrund gewisser Eigenarten
in der Kopfform, anhand kleinster Ausbeulungen oder Erhebungen im Knochengefüge,
eindeutige Rückschlüsse auf den Charakter ziehen. Er tastete
seiner Enkelin also jedesmal auf dem Kopf herum und befühlte ihre
Ohrläppchen und sagte zu ihr, mein Mädchen, du bist ein sehr
guter Mensch. Was wäre ich froh, wenn ich jemanden wie dich zur Frau
hätte.
Als ihm die letzten Worte zu entgleiten drohten, begann er, Beipackzettel
und Gebrauchsanleitungen in seine ganz eigene Sprache zu übersetzen.
Eine Sprache, die nur er verstand und die sich ständig veränderte,
so daß er immer mehr Wörter brauchte, um sich von Notizbuch
zu Notizbuch zu erklären, was er damals gemeint hatte.
Als er 80 Jahre alt war, fing er an, die Dinge in seinem Haus zu archivieren.
Er ging dabei sehr systematisch vor. Zum Beispiel archivierte er die Bücher,
die in seinen Regalen standen, fortlaufend von links nach rechts, durch
alle drei Regale hindurch von oben bis unten. Das erste Buch links im
obersten Regal bekam die Nummer 1a. Das Buch daneben die Nummer 1b. Undsoweiter.
So konnte man in seinen Aufzeichnungen unter der Nummer 2f lesen: Taschenwelt-atlas
und die Länder der Erde in 21 mehrfarbigen Karten und einem 10.000
Namen umfassenden Register. Direkt daneben standen Der Laie als
Maler im eigenen Heim. Ein Ratgeber für Selbststreicher und Illustriertes
Handbuch der Menschenkenntnis: Das Gesicht als Spiegel der Seele.
Zu dem Text, der auf dem Umschlag des Buches stand, notierte sich ihr
Großvater manchmal Anmerkungen wie Dieses Blatt ist grün
und sieht gut aus.
Wenn er Post bekommen hatte, die er nicht verstand, schrieb er: Am
1.2.83 ist auch ein braunes Blatt gekommen und aufgeschrieben: Keine Sorge
- Volksfürsorge. Beitragsrechnung vom 1.2.83 bis 1.2.84. Müßte
genau Behandlung, ich kenne es noch zur Zeit etwas schlecht. Steht jetzt
rechts unten neben Blättern Sparda.
Auf diese Art dokumentierte er nicht nur die Gegenstände in seiner
Wohnung, sondern auch die Handlungsabfolge, die nötig war, um das
Haus einigermaßen in Ordnung zu halten: Im Dornheimerweg, wo
ich meine Denitzius-Äpfel immer hole, habe ich auch am 23. Dezember
1982 darin behandelt, was ich auch kaufen kann, und dies ist unten im
Bad und nebenan, wo ich dauernd mein Wasser morgens und abends behandeln
muß, und wenn das Wasser nicht vernünftig ganz nach unten gehen
würde, so brauche ich das Gerät, was ich früher schon hatte,
und kann es jetzt auch im Dornheimerweg kaufen bei Firma Dietrich. Es
heißt: Allzweckreiniger AJAX mit Hygienekraft - schafft gesunde
Sauberkeit im ganzen Haus.
Er protokollierte jeden Kauf und schrieb dazu, was er mit dem Gekauften
tat: Das Gerät UHU im Dornheimerweg gekauft. Dies ist, was der
Mann unten am Wassergerät das Teil zusammen festgestellt und was
ich auch bezahlen muß und das Gerät UHU Der Alleskleber behandelt
hat. Dabei steht noch was: UHU FISMAR Feuergefährlich Inh. 35g. Dieser
Mann heißt Herr Pritsch in Heinestraße 9 und Telefon 661762.
Mit UHU muß ich das 2 Teilchen zusammenkleben und müssen fest
zusammen bestellen. Jetzt habe ich 3 Teile mit UHU belegt am Sonntag 13.
Februar.
In den letzten Jahren schrieb er wie um sein Leben. Er schrieb pro Jahr
etwa zwölf dicke Notizbücher voll mit Sätzen, die niemand
mehr verstand, niemand außer ihm, und irgendwann begann er, ohne
besonderen Grund das Essen seiner Frau zu boykottieren. Er ernährte
sich nur noch von Butterkeksen und Schokolade, die er zusammen in eine
Frühstücksdose bröckelte und überall mit hinnahm,
bis er schließlich vergaß, die Schokolade zu essen, die er
aus der Frühstücksdose genommen hatte. Er hielt sie zwischen
seinen Fingern und merkte nicht, wie sie langsam schmolz und wie alles,
was er danach anfaßte, voller Schokolade war. Seine Schokoladenfinger
waren überall zu sehen. Es war fast so, als hätte er eine neue
Ausdrucksform gefunden. Die Schokoladenabdrücke waren die letzten
Spuren eines Menschen, der keine Worte mehr hatte, und als seine Enkelin
damals zu Besuch kam, mußte sie jedesmal weinen, wenn sie Fingerabdrücke
von ihm sah, die seine Frau noch nicht beseitigt hatte. Sie nahm ihren
Großvater dann in den Arm, und er tastete sanft über ihren
Schädel und zog an ihren Ohrläppchen und sagte ihr, daß
sie ein ganz besonderer Mensch sei.
Nach seinem Tod hatte seine Frau ihr die Schädelkarten und die Notizbücher
überlassen. Es waren insgesamt dreiundsiebzig Stück. Sophie
bewahrte sie in einer Kiste auf, die rechts neben ihrem Bett stand, und
immer, wenn sie nicht einschlafen konnte, las sie ein wenig darin herum.
Der letzte Eintrag war offensichtlich über seinen Sohn, ihren Vater.
Er lautete: Herbert bedeutet Ernte-, aber auch Pflanzzeit zugleich.
Auf den darauffolgenden Seiten stand nichts mehr. Sie waren über
und über mit Schokolade beschmiert.
Der Spiegel klappt zurück. Sophie lutscht den Schokoladenrest vom
Kern, bis die Nuß anfängt, bitter zu schmecken. Sie nimmt eine
Kamera vom Tisch. Beobachtet, wie sich ihr Atem vor dem Objektiv niederschlägt
und wieder verschwindet. Ihren Vater, der jetzt in die Knie geht und die
Blitzlichtbatterien wechselt. Ihre Mutter, die dasitzt und tut, als hörte
ihr jemand zu.
Sophie hebt die Kamera und schaut durch den Sucher nach draußen.
Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wirbt das staatliche
Casino mit einer Leuchttafel, ähnlich den Kästen, auf denen
Dias betrachtet werden. Join the Game steht darauf in verschiedenen
Sprachen; sie läßt das "G im Schnittbildsucher zusammenwachsen
und zieht auf eine riesenhafte Rouletteschüssel, die von innen beleuchtet
wird. Durch die Rouletteschüssel kreist Licht, das per Zufallsgenerator
gestoppt wird. Die Zahl fällt lautlos. Und kein Schrei für die
20.
Sie nimmt noch eine Goldkugel vom Tisch. Denkt sich eine Zahl. Jeder Schritt
zwischen Gehwegplatten ist verboten. Das alte Spiel. Trotzdem: Fällt
ihre Zahl, wird alles gut.
Sie wirft einen Blick auf ihren Vater, der gerade einer Flasche den Korken
entreißt. Der Wein bildet einen schweren Kreisel im Glas, und Sophies
Vater versucht, ihn so hoch an den Rand zirkulieren zu lassen, daß
er fast überschwappt. Er hält das Glas mit drei Fingern am Stiel,
und als sich der Wein schneller dreht und immer schwerer gegen die Glaswand
wogt, legt er den Zeigefinger zusätzlich an den Kelch, um ihn aufrecht
zu halten, denn jetzt nähert sich der perfekte Augenblick; der Moment,
in dem Geschwindigkeit, Fliehkraft und Balance eine Einheit bilden.
Sag endlich was, denkt sie und sieht, wie sich ein Lächeln
um seine Lippen spannt.
Sie schält die goldene Folie von der Kugel, betastet mit ihren Fingern
die Mandelhülle, ganz langsam, jetzt mit geschlossenen Augen, sie
fühlt jede Unebenheit, dann schiebt sie sich die Kugel in den Mund
und schaut wieder durch die Kamera aus dem Fenster, wo das Leuchtband
vorbei-fliegt; ihre Pupillen fangen unbemerkt an zu zucken und versuchen,
ein Bild zu halten, das nicht zu halten ist. Verschlußzeit: 1/1000
sec. Ein Moment, der keine Geschwindigkeit mehr hat, hält ewig. Das
bedeutet, daß es Ewigkeit nur in der Erinnerung gibt.
Ihre Zähne knacken den Kern. Die Kamera transportiert automatisch.
Der belichtete Teil wickelt sich nach rechts, während neuer Film
nachgezogen und in die Dunkelheit gespannt wird, auf den Lichtblitz wartend,
der zwischen Vergangenheit und Zukunft trennt.
Ihre Zahl ist die Null.
Die Einsätze, bitte, denkt sie und fokussiert ihren Vater,
der immer noch in das Spiel mit dem Wein vertieft ist; er starrt in sein
Glas, als würde er dort etwas suchen; immer schneller kreist der
blaurote Saft an der gläsernen Wand, dreht sich höher zum Rand,
und immer breiter spannt sich sein Lächeln, er bläht die Nasenflügel,
und Sophie nimmt eine 500er Brennweite vom Tisch. Der Bajonettverschluß
rastet ein. Sie stellt sich vor, wie es ist, ein Gewehr zusammenzubauen.
Das beruhigende Gefühl schweren Metalls. Das sanfte Klicken präzise
aufeinander abgestimmter Teile, die Augen dabei unwillkürlich geschlossen.
Ihr Vater hat jetzt den kritischen Punkt erreicht. Sein Mund erfüllt
das gesamte Sucherbild, sie stellt scharf auf den schmalen Spalt zwischen
seinen Lippen, dann schwenkt sie nach draußen auf das Lichtband.
In der Vergrößerung sieht die Rouletteschüssel aus wie
ein Auge, in der Mitte eine schwarze Pupille, umgeben von einer Iris aus
roten und grünen Feldern; am Ende Zahlen wie in einem Biologiebuch.
Etwa da, wo die Null ist, mündet der Sehnerv ins Gehirn.
Sophie nimmt eine neue Kugel vom Tisch. Ihre Zähne durchtrennen die
Mandelhülle, während ihre Mutter von einem Besuch im Museum
erzählt. Er war damals stumm durch die Räume gegangen, und als
er nach draußen trat, fiel ihm eine Träne aus dem Auge; niemand
hatte das bemerkt, niemand außer ihr; das Licht kreist so schnell,
daß die Zahlen im Moment des Aufleuchtens schon wieder verlöschen,
eine haltlose Kaskade numerierter Blitze, plötzlich langsamer werdend.
7.
28.
12.
Das Band stockt. Nichts geht mehr. Hält man Negativstreifen
gegen die Sonne, zeigen sie Falschfarben. Da, wo das Licht anhält,
wird man später einen dunklen Fleck erkennen.
35.
3.
26.
Der Waffelschutz bricht gegen ihren Gaumen.
Zero fällt.
Sophie drückt ab. Der Wein fliegt hoch aus dem Glas und platzt durch
sein Hemd; Bauchschuß, fällt ihr ein, und plötzlich bemerkt
sie auf dem Etikett das Wort "Auslese". Ihr Vater springt hoch.
Starrt auf sein blutendes Hemd. Sieht sie an. Seine Lippen fangen an zu
zittern, während die Kamera alles festhält, Jäger und Sammler
kostbarer Momente, Verwalter eines lückenlosen Familienarchivs, und
Sophie wartet auf ihren Gewinn.
Als sie später nach Hause kommt, klingelt das Telefon. Sie nimmt
den Hörer ab, aber niemand sagt etwas. Sie sagt noch einmal Hallo
und wartet ein paar Sekunden. Die Leitung ist nicht tot, sie hört
etwas am anderen Ende, aber vielleicht bildet sie sich das nur ein. Sie
sagt nichts mehr und schließt die Augen. Sie hört auf das,
was in der Leitung ist. Ein leichtes Knacken. Rauschen. Atmen vielleicht.
Ja. Atmen. Vielleicht von einem Mann.
Sophie überlegt, ob er sie möglicherweise nicht versteht. Ob
das ein Fehler in der Leitung ist. Aber dann hätte er längst
aufgelegt. Sie ist sich sicher, daß er sie hört, und sie ist
sich auch sicher, daß er weiß, daß sie ihn hört.
Sie versucht, sich ihren Vater vorzustellen, wie er am Telefon sitzt und
nichts sagt.
Herbert bedeutet Ernte- aber auch Pflanzzeit zugleich, flüstert
sie; ganz langsam senkt sich ihr Arm, und ganz vorsichtig, ohne das leiseste
Geräusch zu machen, läßt sie den Hörer ein Stück
auf die Gabel sinken, bis zu dem Punkt, an dem die Verbindung fast getrennt
wird. Sie läßt den Hörer noch einen Augenblick in dieser
Schwebe und stellt sich vor, wie das klingt, kein schnelles Klack, das
die Verbindung beendet, sondern ein zögerndes, sanft magnetisches
Flattern, das den Eindruck erweckt, man könne es noch stoppen. Sie
hält den kritischen Punkt eine Weile, dann läßt sie los
und packt ihr Geschenk aus. Wie immer: erst das goldene Papier ab, dann
den Deckel hochheben, bis der Umschlag sichtbar wird.
Sie starrt auf das leere Etikett auf dem Einband, dann öffnet sie
das Buch und beginnt zu schreiben.
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