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Auf der untersten Stufe unseres Treppenhauses finde ich
morgens ein rotes Adressbuch. Es sieht aus, als wäre es jemandem
aus der Hosentasche gefallen; die Form ähnelt einer Halfpipe, und
das Kunstleder ist speckig und voller Tintenflecke. Es sieht aus wie das
Adressbuch eines Menschen, dem nie langweilig ist, weil er immer jemanden
weiß, den er anrufen kann.
Ich sehe mich schnell um, dann bücke ich mich und nehme das Buch
in die Hand. Das Register ist fledderig; besonders unter den Buchstaben
L, N und U scheint es viele Einträge zu geben. Ich gehe ein paar
Schritte auf die Briefkästen zu, dann schlage ich die erste Seite
auf. Links oben, auf der Rückseite des Einbands, steht eine mit Füller
geschriebene Adresse: Margit Lehmann, Methfesselstrasse 14. Telefon:
17 34 12. Keine Bewohnerin aus dem Haus also, auf den Briefkästen
finde ich keine Margit Lehmann. Wahrscheinlich hat sie jemanden
besucht, denke ich, und: bestimmt finde ich den Namen in dem Buch, dann
werfe ich es in den Kasten, und alles kommt wieder in Ordnung.
Ich beginne also, in dem roten Adressbuch zu blättern und stelle
fest, daß die ersten Seiten leer sind. Ich erreiche B, aber auch
dort ist kein Eintrag. Ich blättere immer schneller, lasse die Seiten
schließlich unter meinem Daumen fliegen wie Spielkarten, F, G, H,
aber die Seiten des gesamten Buches sind leer. Nur unter D blitzt etwas
Blaues. Ich blättere zurück und lese oben auf der Seite: Margit
Lehmann, Methfesselstrasse 14. Telefon: 17 34 12.
Das Buch gleitet hinten in meine Hosentasche, es paßt sich exakt
der Form meines Gesäßes an, und ich laufe über die Wiese
zur nächsten Telefonzelle. Nachdem ich den Hörer abgehoben und
meine Chipkarte eingesteckt habe, wähle ich die Nummer von Margit
Lehmann. Sofort nach dem ersten Klingeln hebt sie ab, aber sie sagt
nichts. Ich höre nur ihr Atmen und irgendetwas im Hintergrund, das
wie das Geräusch eines Kanarienvogels klingt. Ich stelle mir vor,
wie sie in der Küche sitzt, die Haare nach hinten gebunden, mit einer
Packung Vogelfutter in der Hand, und fahre mit dem Zeigefinger langsam
über ihren Namen, von links nach rechts; ich denke an all die Telefongespräche,
die sie nie geführt hat und höre noch einen Moment ihrem Atmen
zu, dann lasse ich den Hörer fallen und spüre, wie mir die Hitze
draußen die Luft nimmt. Ohne, daß ich es gemerkt hätte,
ist es Mai geworden.
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