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Weil es nichts anderes zu tun gab, gingen wir also zu den
Löwen. Wir kauften fünf, sechs Flaschen Bier am Kiosk und setzten
uns vor das Freigehege. Nächste Fütterung 16:00 Uhr stand da,
und es war weit und breit kein Löwe zu sehen.
»Wahrscheinlich sind sie drinnen«, sagte Marc und machte das
erste Bier auf.
»Ja«, sagte ich. »Wahrscheinlich sind sie drinnen.«
Ich beobachtete, wie der Schaum langsam in den Flaschenhals kroch und
kleine Bläschen dicht vor meiner Nase platzten.
»Afrikanischer Königslöwe«, las Marc das Schild
an der Mauer. »Ernährt sich von Antilopen und Zebras. Bevorzugter
Lebensraum: Steppe und Savanne.«
»Wahrscheinlich haben die Löwen gemerkt, daß es in ihrem
Gehege keine Antilopen gibt«, sagte ich. »Vielleicht kommen
sie deshalb nicht raus. Vielleicht haben sie einfach keine Lust, sich
für dumm verkaufen zu lassen.«
»Schon möglich«, sagte Marc und nahm einen tiefen Schluck
aus der Flasche. »Aber spätestens um vier werden sie kommen.
Fressen müssen sie ja.«
»Genau«, sagte ich. »Um vier wird gefressen.«
»Antilopenkoteletts«, sagte Marc und gähnte in die Sonne.
»Wie wärs, wenn wir reingehen und nachsehen, was sie
so treiben«, schlug ich vor. »Dann brauchen wir nicht bis
vier zu warten.«
»Weiß nicht. Wahrscheinlich schlafen sie sowieso. Keine Ahnung.
Wenn sie klug sind, werden sie schlafen.«
Ich versuchte, mir die Löwen vorzustellen, wie sie in ihrem Käfig
im Löwenhaus lagen und schliefen. Sie hatten sich auf der Holzpritsche
aneinandergelegt und atmeten ruhig. Man sah das an ihren Bäuchen,
die sich gegeneinander hoben und senkten wie ein seltsames Tandemakkordeon.
Manchmal sah einer von ihnen mit seinen schweren Löwenaugen zu den
Zoobesuchern, die vor dem Käfig standen und mit Fingern zeigten und
ihre Kinder nach vorne schoben.
»Was glaubst du, wieviel Fleisch braucht so ein Löwe am Tag?«
fragte ich Marc.
»Keine Ahnung. Was wiegt eine durchschnittliche Antilope?«
»Antilopen sind schnell. Ich glaube nicht, daß die Löwen
hier noch eine Antilope erwischen würden.«
»Und was ist mit Zebras? Zebras sind langsamer.«
»Ja. Vielleicht Zebras.«
Ich dachte daran, daß die Löwen in diesem Zoo wahrscheinlich
noch nie ein Zebra gesehen hatten. Und daß sie vermutlich auch nie
auf die Idee kämen, ein Zebra zu essen, wenn sich zufällig eins
in ihr Gehege verlaufen würde.
»Ist auch egal«, sagte Marc und nahm sich noch eine Flasche.
»Was zerbrechen wir uns den Kopf über Zebras.«
Er schlug den Kronkorken an der Bank ab und ließ sich das Bier in
den Hals laufen.
»Gottverdammte Scheiß-Hitze«, sagte er nach einer Weile.
Es war inzwischen Viertel vor vier, und es war immer noch kein Löwe
zu sehen. Die Luft flirrte über dem Freigehege wie in einem schlechten
amerikanischen Western. Eine Fliege setzte sich auf meine Hand, aber ich
war zu faul, sie wegzuschütteln.
Hinter dem Betongraben lagen ein abgestorbener Baum und zwei Felsblöcke.
Das war alles, was die Löwen hatten. Es war die Nachbildung ihres
natürlichen Lebensraums. Nur ohne Zebras und ohne Antilopen.
»Nächste Fütterung 16:00 Uhr«, las Marc nochmal
laut und wippte langsam vor und zurück.
Mittlerweile standen auch andere Zoobesucher vor dem Freigehege. Sie drängten
sich nah an die Betonmauer, um besser sehen zu können.
»Gleich ist es soweit«, sagte Marc.
Direkt vor mir riß ein kleines Mädchen ihr Eis auf und warf
das Papier neben die Tonne.
Die Pranke des Löwenmännchens lag jetzt vermutlich auf der Schulter
des Löwenweibchens, und vielleicht zuckte sie etwas im Schlaf. Vielleicht
schliefen die Löwen auch gar nicht, sondern taten nur so, weil sie
keine Lust hatten, ihre Zoolöwennummer zu geben und den ganzen Tag
an Stäben langzulaufen wie in einem Gedicht von Rilke.
Vor der Mauer des Freigeheges wurden die Leute allmählich unruhig.
Sie wollten endlich die Löwen sehen und ihnen dabei zuschauen, wie
sie Antilopen aßen, die nicht mehr weglaufen konnten.
Um Viertel nach vier waren die Löwen immer noch nicht da. Sie kamen
einfach nicht aus ihrem Löwenhaus, und die Pfleger kamen auch nicht.
Da unser Bier langsam zuende ging, stand ich auf und holte neues. Ich
kam dabei am Zebragehege vorbei und imitierte einen hungrigen Löwen,
aber die Zebras standen bloß weiter rum und kauten was. Sie hatten
keine Angst vor Löwen.
Als ich zurückkam, hatte sich die Menge aufgelöst. Marc lehnte
vor dem Betongraben und starrte auf den abgestorbenen Baum.
»Waren die Löwen schon da?« fragte ich.
»Nein«, sagte er ohne aufzusehen.
»Wollen wir dann gehen?«
»Keine Ahnung.«
Wir starrten noch eine Weile ins Gehege und auf die Tür, durch die
die Löwen kommen sollten, dann setzten wir uns wieder auf die Bank.
Die Biere klimperten in der Plastiktüte wie ein trauriges Glockenspiel,
und als wir die nächste Flasche am Eisengitter der Bank aufschlugen,
hörten wir plötzlich den Schrei eines Vogels. Er kam von sehr
weit weg.
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