Bulgarien am Ende des Jahrhunderts
Ilija Trojanow

 

 

 

26.7.1999


 

 

Du hast es leicht.
Du hast Dich an die Schläge gewöhnt.
Was soll ich aber tun,
der ich die Nächte über keine Auge zukriege,
vor Angst, daß sie die Hand gegen mich erheben.

Koljo erschlug seine Frau wegen Ehebruchs.
Und versuchte zu fliehen.
An der Grenze faßten sie ihn.
12 Jahre für Totschlag,
13 Jahre für Republikflucht.
Im Gefängnis fletscht der Wärter die Zähne:
Elender Vaterlandsverräter, dir werden wir‘s schon zeigen.

Vasselin glaubt an das Privateigentum.
Wie andere an die Bibel.
Immerhin trug ihm das nur drei Jahre Lagerhaft ein.
Beim Fällen der Weiden schimpft er:
Wenn dieses KZ privatisiert wäre,
was meint ihr, wie effizient alles funktionieren würde?

Eines weiß ich gewiß, äußert die Großmutter.
Er kann nicht geflohen sein.
Er hat nicht einmal ein zweites Paar Socken dabei.
Wo er doch seine Socken täglich zweimal wechselt.

Ich war kein Denunziant, beschwört der Professor.
Ich halte den ultimativen Beweis in den Händen.
Einen Brief von der Staatssicherheit:
In diesem Institut hat es keine Denunzianten gegeben.