Die Sonnenuhr des Sawai Jai Singh
Ilija Trojanow

 

 

 

12.7.1999


 

 

Nach seiner Geburt
skizzierte der Astrologe des Hofes
die Zukunft des Zukünftigen.
Einfache Mittel sind sehr genau.

Jai Singh, mit elf schon König,
wurde Astrologe. Mathematiker. Astronom.
Er las Ptolomeus
er las Euklid
er las Isaac Newton
und Mohammed Beg.

Er beschloß, die Sonne genauer messen zu lassen
als alle zuvor.

20 Sekunden schritten die ersten Schatten aus,
das war Jai Singh nicht genau genug.
Er ließ eine Treppe zu den Sternen bauen,
die erst ein Ende fand,
als sich im Reich kein Marmor mehr fand.
Tagsüber zerrann die Sonne im Sekundentakt,
nachts, im Schneidersitz, auf der letzten Stufe,
richtete er sein waches Auge
auf die vielen zurückgeworfenen Lichter.

Diese Uhr geht nach, genau um 11 Minuten,
sagt die Frau unter breiter Krempe
und streckt Jai Singh ihren blassen Arm hin.
Madame, die Sonne irrt nie.
Diese Zeit stimmt für den Fleck,
auf dem wir beide stehen.
Die Uhr, die sie tragen,
hierhin und dort,
stimmt überall,
und doch ist sie hier ungenau.