Monsun
Ilija Trojanow

 

 

 

5.7.1999


 

 

Seit Tagen wartet alles auf den ersten Regen. Die Wolken, aufgequollen und schwarz, schrumpfen die Sonne zu einem glitzernden Teich. Wellen schlagen gegen die Kaimauer, immer höher, schlagen über sie hinweg; die Welt ist unruhig. Die Häuser behaupten sich gegen den Dunst, einige Vögel irren schrill und steil durch die Luft, voller Bange, fliegen zu verlernen. Das Meer springt mit der hungrigen Zunge eines Chamäleons auf die Uferpromenade und nimmt ein erstes Opfer, eine Frau, unachtsam schlendernd – die Helikopter der Marine können nicht tief genug fliegen, um die Frau in dem aufgewühlten, braunen Wasser zu finden. Zeitungsfetzen flattern hinauf, höher als die Vögel, Bäume biegen sich wie Halme. Vor dem ersten Tropfen zweifelt keiner an seinem Kommen, unmißverständlich verkünden es die Gerüche. Der erste Tropfen ist friedlich, gefolgt von einem Tanz auf spitzen Füßen, zum Aufwärmen gleichsam, und um die Erwartung des Publikums ein letztes wenig zu strecken. Harmlos, harmlos wie Regentropfen, zarte Miniaturen am Fenster, aus Punkten, die vor dem Verrinnen einen Augenblick lang innehalten. Hinter ihnen läßt ein milchiger Schleier Straßen, Märkte, Häuser, Viertel verschwinden läßt, verhüllt die Stadt, unsichtbar gefangen. Das Meer ist zu hören, Schreie, die ekstatisch klingen; wer kann jetzt Verzweiflung von Glück unterscheiden. Dann schlägt der Regen zu, mit Wespenstichen, und die Schreie entlassen ihren Sinn: die Zeit zieht sich zurück, der Monsun fällt ein, rette sich, wer nicht hinter festen Mauern ausharren kann.