Im schatten des Falken auf dem Kricketfeld
Ilija Trojanow

 

 

 

21.6.1999


 

 

Nach einem langen Tag der Gespräche auf dem Hof des Bauern – es war gesät und alles wartete auf den Regen –, nach vielen Fragen, die dem weißgekleideten Mann mal unverständlich, mal selbstverständlich erschienen waren, nach meinem Beharren, die Widersprüche aufzulösen, die für ihn keine waren, nach der Dämmerung, als wir zum Stall hinübergingen, seine sechs Büffel zu bewundern, worauf Schweigen einsetzte, so als sei mit dem Anblick dieser gewaltigen Ochsen alles über seine Kultur ausgesagt, da räuspert sich Ram Singh und fragt den Übersetzer etwas. Ein Satz nur, fast geflüstert. Ob er mir auch eine Frage stellen dürfe. Natürlich, sage ich, plötzlich meiner Unverfrorenheit bewußt, ihn den ganzen Tag ausgefragt zu haben. Er würde gerne wissen … stimmt es denn … bald, wenn für uns (die Europäer) eine neue Zeit beginnt, daß dann alle Maschinen stillstehen werden?
Der Hof des Bauern ist nicht elektrifiziert, einen Traktor besitzt er hingegen schon. Nein, antworte ich vorsichtig in die Dunkelheit hinein, so weit ich weiß nicht.

Ob Hindus, Jains oder Buddhisten, die meisten Inder glauben an eine Zeit, die sich in regelmäßigen Perioden wiederholt. An eine kreisende Zeit. Gemäß den Ansichten der Hindus durchleben wir gerade das Kaliyuga, das schwarze Zeitalter. "Schwarz" trägt dabei durchaus die Konnotation düster, schrecklich, grausam. Ein Beweis dafür sei die kurze Lebenszeit des Menschen, der einst, in der ersten, längsten und besten Epoche fast ewig lebte. Die Zeit bewegt sich somit vom Paradies hin zur Hölle, und von dort aus, nachdem ein neuer Erlöser erschienen sein wird, wieder zum Paradies zurück.

In Bombay finden sich viele Orte, die einen an das Kaliyuga glauben lassen. Bahnhof Bombay Central, etwa, zu Stoßzeiten jeder Quadratmeter mit hockenden, sitzenden und ausgestreckten Menschen bedeckt, Passagiere, die sich ausruhen oder auf einem Stück Stoff ihr Mittagessen ausbreiten, Obdachlose, die schlafen, und Straßenkinder, die auf Gelegenheiten lauern.
Die Straßenkinder leben auf dem Bahnhof und ihr Tag beginnt manchmal mit dem Fußtritt eines Polizisten. Wer nicht schnell genug aufspringst, erhält noch einen Tritt, in die Seite – der Bulle weiß, wo es wehtut. Soni oder Sanjay oder Pintu wissen, daß sie verschlafen haben. Im Hamara Club gegenüber dem Bahnhof, einem Tagesasyl für die Kinder, hängt ein Zeitplan an der Wand, ein ordentlicher Plan, der die Tage der Woche von 10 bis 15 Uhr in halbe Stunden aufteilt und jede halbe Stunde ausfüllt, in verschiedenen Farben. Ausfüllt mit Lesen, Schreiben und Rechnen, mit Yoga, Spielen, Essen, Malen und Musizieren sowie dem sogenannten nonformalen Unterricht, in dem all jene Kenntnisse vermittelt werden, die den Kindern beim Überleben in ihrer Umwelt nützlich sein können. Sehr genau wird der Plan allerdings nicht genommen. Kaum ein Kind, selbst unter denjenigen, die täglich kommen, schafft es, den ganzen ‘Schultag’ im Hamara Club zu verbringen. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Denn der Lehrplan unterliegt dem Fahrplan der Züge. Wer als Träger oder Verkäufer arbeitet, springt vor der Ankunft jedes Zuges auf; und bleibt am Bahnhof, bis er jedem Passagier seine Dienste oder seine Waren angeboten hat.
Jeder Tag ist gleich, abgesehen von der Woche vor dem Nationalfeiertag am 26. Januar. Wenn die Polizei dem Befehl nachkommt, die Straßen von Kriminellen zu reinigen, locht sie zur Erfüllung ihrer Quoten auch einige Straßenkinder ein.
Zeit ist für diese Kinder ein schwarzes Loch, das jegliches Potential verschlingt, bis nur Dumpfheit übrigbleibt.

Im Kaliyuga herrschen Hetze und Hast, eine immer dringlichere Beschleunigung. Gleichsam der Alltag Bombays. Doch gerade Kricket, das Nationalspiel Indiens, steht dazu in einem anachronistischen Gegensatz (der vielleicht gar keiner ist …?). Ein Test-Match erstreckt sich über fünf ganze Tage, an jedem Tag von Früh bis kurz vor Sonnenuntergang, unterbrochen nur von einer Stunde Mittagspause und zwanzig Minuten Tea-Time. Während des Spiels geschieht minutenlang nichts, weil sich eine Mannschaft taktisch umstellt. Manchmal passiert stundenlang nichts, weil der Werfer und der Schläger sich belauern. Dann ist das Aufregendste am Kricket der Schatten eines kreisenden Falken. Irgendwann am dritten Tag – ich sitze im Stadion brav alle fünf Akte durch – begreife ich, daß Kricket keineswegs eine Sportart ist, sondern eine Meditationsmethode, mit dem Ziel, in die endlose Geduld einzugehen. Und Geduld scheint in Indien im Überfluß vorhanden zu sein. Kein Wunder, dauert doch ein vollständiger Zeitzyklus mehrere Billarden Jahre.

Wie schwer muß es ihnen fallen, jene zu verstehen, die zelebrieren, gerade einmal zwei Jahrtausende hinter sich gebracht haben. Und dabei die Kontrolle über ihre Maschinen verlieren.