Ich werde älter
Burkhard Spinnen
 

 

 

1.11.1999


 

 

Und mit dem Alter kommen die Marotten. Meine neueste aber ist ganz modern. Sie geht so:

Ich beginne mit Nachdenken. Nicht lange, dann fällt mir ein Name ein. Ein möglichst unverwechselbarer Name. Zum Beispiel: Hans-Joachim Galsworthy. Galsworthy war ein zeitweiliger Mitschüler, sein Vater war, wie der Name schon vermuten läßt, Brite und, wenn ich mich recht erinnere, Soldat. Er wurde versetzt und Hans Joachim verließ die Schule. Seitdem nicht der geringste Kontakt. Also seit 27 Jahren. Das alles paßt ausgezeichnet.

Die erste CD, die ich einlege, "D-Info 99", enthält alle Telefonnummern Deutschlands inklusive der anhängenden Namen und Adressen. Ich tippe den Namen ein und erhalte nach 5 Sekunden die komplette Anschrift. Galsworthy lebt also, und er wohnt in Hannover. Das ist gut!

Gut ist, dass er lebt. Und gut ist auch, daß er in Hannover lebt. Denn Hannover, bzw. der Stadtplan davon befindet sich auf meiner zweiten CD, "Geographic Power Route". Die lege ich jetzt ein und lasse die Adresse suchen. Auch das dauert nur wenige Sekunden.

Galsworthy lebt am Stadtrand. Schön für ihn. Sein kurzer Weg in die City ist durch den Öffentlichem Personennahverkehr gewährleistet, doch gleich eine Straße hinter der seinen beginnt ein Park, in dem ein paar Zeichen für Freizeiteinrichtungen sich geradezu drängeln. Außerdem tragen die schön rechtwinklig angeordneten Straßen in seinem Viertel alle die Namen von großen Männern; und ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich mir etwas ältere Backsteinkästen mit viel Efeu daran vorstelle und vielleicht sogar ein paar kleinere Steinlöwen auf den niedrigen Mauern um die Vorgärten. Ich gehe noch einmal zurück in die "D-Info" – und tatsächlich, in Galsworthys Haus gibt es nur zwei Anschlüsse. Er wohnt also Parterre oder erster Stock. Womöglich erster Stock mit Gartenbenutzung. Aber das kriege ich auch noch 'raus.

Denn jetzt wechsle ich endlich ins Internet. Das geht schnell, seitdem man mir gezeigt hat, wie man's macht. Ich muß nur rasch allerlei Kauf-Angebote abwinken oder wegschnippen, und schon bin ich drin.

Die erste Adresse für meine Marotte lautet jetzt "www.metager.de". Das ist eine Suchmaschine, die über Suchmaschinen regiert. Ich kann mittlerweile ungefähr erklären, was das ist; jetzt aber bin ich nicht an Wissen interessiert, sondern an schieren Daten. Ich tippe den Namen in das Suchfach: Hans-Joachim Galsworthy, vorne und hinten mit Anführungszeichen, damit er als sogenannter String gesucht wird. Ließe ich die Anführungszeichen weg, bekäme ich wahrscheinlich 700000 Treffer. Alle Galsworthys und alle Hans-Joachims dieser Welt. Nein, so unerfahren bin ich nicht mehr.

Jetzt bekomme ich erst einmal die Meldung, daß ich noch 40 Sekunden warten muß. Deutlich steigt meine Nervosität, ein – ich kann es nicht anders sagen - ein gewisses Lustgefühl wird spürbar. Noch 20 Sekunden. "Wir warten noch auf Altavista.de und Netfind." Es kribbelt richtiggehend! Wo bist du, Hans-Joachim Galsworthy, alter Schulkamerad, "alt" natürlich im Sinne von "lange her", kaum habe ich dich als einen gekannt, der sich rasieren mußte. Noch 10 Sekunden. "Wir warten noch auf Netfind." Immer warten wir am Schluß noch auf Netfind.

Und dann ruckt das Monitorbild, der kleine Knopf rechts außen, an dem man scrollen kann, ist schlagartig noch etwas kleiner geworden, ich greife ihn und ziehe ihn nach untern: 14 Treffer. Das ist wieder gut.

Die ersten beiden scheinen allerdings einem anderen Galsworthy zu gelten. Gibt es also doch einen Namensvetter? Und was tut der auf den Seiten eines Tischtennisclubs, der irgendwo sehr weit im Süden der Republik in der Regionalliga spielt? Ich will es nicht wissen. Auch Nr. 3 ist noch ein Irrläufer; doch endlich habe ich ihn: Hans Joachim Galsworthy, Hannover! Er ist Mitglied in der Schulpflegschaft einer weiterführenden Schule am Rande Hannovers. Wie schön, der Jacki hat also Kinder. Und wohnt also vermutlich Parterre oder mindestens mit Gartenbenutzung. Sehr aktiv ist er nicht in der Pflegschaft, aber so kenne ich ihn ja auch: gerne dabei, Pflichtbewußt, doch keiner, der sich nach vorne drängt. Ganz wie früher.

Und im Beruf ist es genau so. Letztes Jahr hat er den Chef des pharmakologischen Instituts, bei dem er arbeitet, zu einer Vortragsreise begleitet und anschließend darüber referiert. Typisch Jacki, da schlägt wahrscheinlich jetzt das Britische durch. Settlement, Routine, Understatement, that's Galsworthy, as we knew him. And a he lives on and on.

Ich bin ehrlich gerührt. Prompt fallen mir ein paar Schulszenen mit ihm ein, die mir zuvor nicht eingefallen waren. Und dann ein paar mit mir, an die ich auch lange nicht mehr gedacht habe. Ein halbes Dutzend Seiten steht noch aus, die spare ich mir für morgen auf. Statt dessen schreibe ich eine E-mail an Galsworthys Firma, zu seinen Händen.

"Lieber Jochen", schreibe ich, dann fällt mir nichts mehr ein. Doch ich spüre kein Leid an meiner Sprachlosigkeit. Ich sehe vielmehr auf die Uhr, bald ist das Jahrtausend herum, und um die Stromrechnung klein zu halten, verlasse ich das World Wide Net.