Tina lebt
Burkhard Spinnen
 

 

 

5.4.1999


 

 

Tina ist 25 Jahre alt. Sie ist geboren in Düsseldorf, dort lebt sie auch; gut möglich, daß ihre Eltern vermögende Leute sind. Tina ist ausgebildete Versicherungskauffrau und angestellt bei einem renommierten Versicherungsmakler, so heißt es in ihrem Steckbrief, den sie mit der Hand auf ein rotes Buntstiftherz geschrieben hat.
Tina hat zwei Videokameras in ihrer Wohnung installiert. Deren Bilder erscheinen, aufgefrischt alle paar Minuten, im Internet. Infolgedessen kann man Tina dabei zusehen, wie sie lebt. Der Zugang ist frei.
Im Moment ist Tina nicht da. Aber das macht nichts. Im Archiv ist nachzusehen, wie sie die letzten Monate gelebt hat. Tina hat gekocht, gegessen und sich umgezogen. Es sind Freunde zu Besuch gekommen. Sie hat auch einmal in schwarzer Wäsche gebügelt.
Natürlich hat Tina eine E-Mail-Adresse. Sie bekommt viel Post; und der jeweils Tausendste, der ihr schreibt, bekommt ein Tina-T-Shirt. Außerdem gibt Tina Rätsel auf; das letzte muß schwierig gewesen zu sein, denn Tina sagt, es seien kaum richtige Lösungen eingegangen.
Unter Aktuelles sind die Termine angegeben, an denen man Tina im Radio oder im Fernsehen wiedertreffen kann. Sie ist von westdeutschen Rundfunksendern eingeladen worden, von RTL und von VOX in Spiegel-TV. In ihrem Tagebuch schreibt sie, wie es dort war. Mal so und mal so.
Ansonsten macht Tina im Grunde nichts. Tina lebt nur und läßt, in einem gewissen Maße, die Welt dabei zusehen. Der Zugang zu ihrer Website ist, ich sagte es schon, kostenlos, allerdings erscheint hier und da Werbung, es gibt dafür einen speziellen Kontakt, und am 1. April soll ein Tina-Shop geöffnet werden. Im Februar 1999 wurde die Website 190.000 Mal aufgerufen.
Tina gelingt im Großen und Ganzen, ob sie es weiß oder will oder nicht, was Duchamps mit einem armseligen Flaschentrockner versuchte. In Tina werden das unauffällig Alltägliche und das Sensationelle im Handstreich identisch. In Tina geht zusammen, was wir uns, aus purer Not, als getrennt zu denken befahlen: das Bedeutende und das Unbedeutende, die Gier und der Überdruß, der Lebenswille und die Todessehnsucht. Am Ende des Jahrhunderts hat sich die Moderne erfüllt. Die readymades sind lebendig geworden und die Lebendigen sind beinahe ohne alles Zutun Kunst. Es ist nur noch ein kleiner Schritt bis zur Unsterblichkeit. Ein Klick. Und das macht, daß man jederzeit, wo immer man gerade steckt, aufstehen und nach Hause gehen möchte: zu Tina.