Fünf sagt sie
Leander Scholz
 

 

 

25.5.1999


 

 

Hanna hat entdeckt, daß ich über sie schreibe. Das ließ sich ja auch nicht verhindern. »Du schreibst über mich!« hörte ich sie von Anfang sagen. »Heute abend gibst du mir alle Texte, in denen ich vorkomme!« hat sie dann schließlich gesagt. »Nein«, hätte ich geantwortet, »natürlich schreibe ich nicht über dich, nicht wirklich!« Und dann ließ mich selbst mein schlechtes Gewissen im Stich. Aber soweit ist es nie gekommen. Hanna hat meine Texte nicht im Internet gelesen. »Sie stehen ja im Netz«, hätte ich gesagt, »von Anfang an habe ich also nur geschrieben, was du sowieso hättest lesen können.«
Aber Hanna hat die Texte auf meinem Schreibtisch gefunden. Nicht direkt, sie mußte erst den Computer hochstarten und dann den Ordner mit ihrem Namen anklicken. Hätte sie meine Texte in einem Buch gefunden, hätte sie eine Woche nicht mit mir gesprochen. In diesem Fall aber hätte ich vorgesorgt: für Hanna, die einzige hätte ich direkt hinter den Buchtitel setzen lassen. Oder: für Hanna, die still war, während ich geschrieben habe, oder, falls es sich um ein Sachbuch gehandelt hätte: ich danke Hanna, meiner Frau, die mir während dieser Arbeit zu essen gegeben hat. Bei einem wissenschaftlichen Werk hingegen, nachdem ich schon die ganze Liste an Widmungswichtigen abgearbeitet hätte, müßte dort stehen: für die, die mit unseren vierundzwanzig Kindern gespielt hat, während ich keine Zeit dazu hatte, oder, was das gleiche ist, die klug war, während ich theoretisch war. Am besten zieht aber immer noch: für Hanna, die einzige Leserin. Ich hätte meinen Computer doch paßwortgeschützt lassen sollen.
»Es ist nicht in Ordnung«, hätte Hanna sich beklagt, »über jemanden zu schreiben und das auch noch ohne Einwilligung zu veröffentlichen.« Hanna hat keine Ahnung von Jura. Das sind zwei ganz unterschiedliche Verbrechen, meint sie. Aber Hanna geht es nicht um Recht, sondern um Höflichkeit. »Höflichkeit«, doziert Hanna, »kennen heutzutage ja sowieso nur noch die Lateinlehrer.« Und da hätte sich herausgestellt, daß wir gar keine Kinder haben, die ich in die Widmung aufnehmen könnte. »Ihren eigenen Kindern können die meisten ja nicht einmal die rudimentärsten Regeln des Zusammenlebens beibringen.« Das ist Hannas Fundamentalthema. »Bäh«, hätte sie ihren Exkurs abgeschlossen und wieder einmal davon geschwärmt, daß wir uns auf ein Landhaus in Polen zurückziehen sollten. Aber ich hätte ihr das Buch neben unser Bett gelegt und sie in wenigen Tagen darin blättern gesehen.
Nun hat sie sich die Texte nicht einmal ausgedruckt. »Darf ich mal kurz deinen Internetanschluß benutzen?« hat sie gefragt. Wenn es wenigstens die Zeitung gewesen wäre, eine kurze aber zynische Kolumne zum Thema Beziehungsgelage. Da hätte Hanna gelacht, mir die Zeitung auf den Hinterkopf geschlagen und verboten, ihr noch einmal einen solchen Streich zu spielen. »Selbst Adorno«, hätte sie gesagt, »hat sich mit den amerikanischen Atsrologenspalten beschäftigt.« Zum Zeitverteib. »Und das, obwohl Amerika solch ein schreckliches Land ist.« Aber das Internet sei ein riesengroßer Müllhaufen. Gerade mal dazu geeignet, um sich etwas Abfall herauszupicken, der versehentlich weggeschmissen wurde. »Klatsch«, kommentiert Hanna, »aber was das schlimmste ist, schlechter Klatsch.«
Ich setze meine Hundeaugen auf und frage sie durch die Zahnlücken schielend: »Meinst du, ich hätte etwas anderes geschrieben, wenn es nicht fürs Internet gedacht wäre?« Hanna dreht sich langsam mir zu, und ich kann ihrem Lippenzucken ansehen, wie sie meine kritische Nachfrage als barbarische Unverschämtheit empfindet. »Alteuropäisch gesehen«, spricht sie kühl und exakt an mir vorbei, »ist es ein Wunder, daß überhaupt so viele zu den Kulturtechniken Schreiben, Lesen und Rechnen Zugang gefunden haben. Ich frage mich, warum sich das mit einer neuen Hardware ändern sollte.«
Seitdem surfe ich nur noch gemeinsam mit Hanna. Denn Hanna ist Katholikin. Und das ist gut so.