Krieg der Dichter
Leander Scholz
 

 

 

17.5.1999


 

 

In der linken Ecke finden wir Thomas Meinecke: theoretisches Schwergewicht, der, nach eigenen Angaben, vielleicht zu viel Judith Butler gelesen hat. Autor des Romans "Tomboy", der das Herabsinken feministischer Theorien in die studentische Alltagswelt beschreibt. Spitzname: "Fat Boy Tom". Sein Motto: "Toll finden, ohne alles gleich zu verstehen". Seine stärkste Waffe: das Unterlaufen literarischer Hürden.

In der rechten Ecke finden wir Helmut Krausser: ästhetisches Großkaliber, der, nach eigenen Angaben, keine Lust mehr hat, über Charles Bukowskis Kriegsfaszination entsetzt zu sein. Autor mehrerer Tagebücher, die an Unvergänglichkeit keiner Teflonpfanne nachstehen sollen. Spitzname: "Dirty Helmet". Sein Motto: "Eine gesunde Portion Böses macht die Welt erst aufregend." Seine stärkste Waffe: das Pflücken von unzugänglichen Trauben.
Das Thema unserer heutigen Talkshow: Krieg im Kosovo. Der Ort der Auseinandersetzung: das Internet. Der Einbruch des Krieges in die literarische Welt hinterläßt seine Spuren in der Geburt einer neuen Textform – die literarische Talkshow.

Hat Meinecke in seinem ersten Beitrag noch damit brilliert, er sei neugierig darauf, wie sich Texte im Internet von Texten in Büchern unterscheiden, läßt sich in seinem folgenden Beitrag, zwei Monate später, schon eine erste Antwort auf die adäquate Nutzung des Mediums finden. Während sich bei anderen Autoren eine zaghafte Verzahnung der Texte beobachten läßt, platzt Meinecke mit Verve, wie er vorher angekündigt hat, ganz ohne Rücksicht auf das Medium, was er vorher bei den anderen Autoren mokiert hat, in die virtuelle Welt, um seine frohe Botschaft zu verbreiten.

Erster Schlag: "Gute Nachricht in Kriegszeiten heißt für mich, daß der kriegshetzerische Kriegskorrespondent des kriegshetzerischen, kriegsdeutschen Senders Sat1 in jugoslawische Kriegsgefangenschaft genommen wurde. "Das sitzt. Volle Linke. Joschka Fischer muß für Meineckes Argumentation eines "deutschen Angriffskriegs" zum Erzaußenminister mutieren. Aus dem Slogan "Nie wieder Krieg" muß "Nie wieder Grüne" werden, damit sich eine Kontinuität zum "unseligen neunzehnten Jahrhundert" herstellen läßt. Genscher, Fischer, Scharping alles eins, damit sich nur ja noch ein Feindbild etablieren läßt.
Hier regt sich der vagabundierende linke Instinkt nach Opposition, nach apokalyptischer Entscheidung gegen das System.

Erster Gegenschlag: Helmut Krausser, der ebenso wie Meinecke der literarischen Kooperation noch wenig beigesteuert hat, meldet sich soldatisch zur Stelle. Meineckes Pamphlet, so seine Antwort, sei reiner Pop: "Zu weit gegangener Pop, der das Arsenal des Bösen munitioniert. "Denn das Widerlichste am Kosovo-Konflikt, so Kraussers ebenso apokalyptischer Fingerzeig, seien die "Senfspender", die anfangs entschieden für die Bombardierung waren, und jetzt "umkippen". So wie für Meinecke die Opposition erhalten bleiben soll, muß für Krausser das Böse erkennbar bleiben. Der Meinungspluralismus, holt Krausser den Carl Schmitschen Haken heraus, habe dafür gesorgt, daß das "Böse gar nicht mehr benennbar ist."
Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Erst einmal tauchen beide Autoren ins neunzehnte Jahrhundert ab, um sich aufzurüsten. Meinecke, der neben Butler wahrscheinlich auch noch Nietzsche gelesen hat, setzt auf "Oberfläche". Gegen den deutschen Ernst und die Schwere des Buchs gehört das Fragmentarische, Journalistische gesetzt oder eben das Internet als "Abfall für alle". Meinecke holt sich zur Sicherheit Rainald Goetz als Verstärkung, auch ein Jugendlicher. Krausser, der sich genauso gut im neunzehnten Jahrhundert auskennt, beschimpft Meinecke als "Intellektuellen-Imitat", bei dem es nicht zu einem wirklich großen Künstler gereicht hat. Jetzt wird die ganze Palette durchgeklopft: Rebensaft versus Pop, Poesiefunken versus Lallen, Literatur versus Comic, Großkünstler versus Anti-Groß, Individualität versus Masse. Hoppla.

Und auf einmal geht es um die achtziger Jahre: "dirty talking". Jetzt wird sich "angepisst", ist der andere "rotzfrech", wird sich "am Arsch geleckt". Die schlimmste Beleidigung lautet: "Riecht aber schwer nach achtziger Jahren"
Ist das der Grund, warum die Diskussion um den Kosovo-Einsatz zur Talkshow degeneriert ist? Meinecke wiederholt gewohnheitsmäßig Parolen darüber, daß "der Krieg gestoppt gehört", während Krausser mit neorechten, ästhetizistisch aufgebauschten Topoi von der Faszination des Krieges glänzt. Die Aufgeregtheit, mit der die beiden Autoren alte Positionen abgleichen, scheint ein ganz anderes Problem verdecken zu wollen.

Fakt ist, daß sowohl die Partei der Grünen als auch die Friedensbewegung sich um den fast zehn Jahre währenden Krieg in Jugoslawien so wenig gekümmert haben wie auch die übrigen politischen Kräfte in Europa. Daß nun der Marsch durch die Institutionen und damit die entscheidende Frage der achtziger Jahre in einem apokalyptischen Ja oder Nein zum Krieg auf dem Spiel stehen soll, deutet mehr auf die Sehnsucht nach dem gedanklichen Luxus des kalten Kriegs. Krausser und Meinecke symbolisieren noch einmal die Kategorien, wie sie unter den Bedingungen der durch die Bombe stillgestellten Weltmächte ihre Gültigkeit gehabt hatten: individuelle Weltflucht in einen kalten Ästhetizismus versus heroische Totalnegation. Meineckes ethischer Monopolismus kommt zu spät, viel zu spät. Als Geert Lovink in seiner "Bewegungslehre" den mythischen Punkt des Todesrisikos in der Hausbesetzerszene analysiert hat, ist er fast gelyncht worden. Wenn Joschka Fischer von pöbelnden Parteifreunden auf dem Parteitag mit Farbbeuteln verletzt wird, macht das deutlich, wie schmerzhaft für viele Weggenossen der Verlust des energetischen Kampfmodells der achtziger Jahre sein muß.

Fakt ist, daß sich die europäische Streitkultur aus der Substitution von Krieg durch symbolische Auseinandersetzungen entwickelt hat. "Nehmet den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes", hieß es noch bei Paulus. Daß daraus nicht Krieg gefolgert werden muß, ist nicht zuletzt eine Frage des Stils. Als Lektüre empfehle ich Erasmus‘ "Handbüchlein des christlichen Streiters".