Füße im Himmel
Leander Scholz
 

 

 

26.4.1999


 

 

Was ist geschehen? Das letzte Mal, als ich an einer Demonstration teilgenommen habe, war 1991 gegen den Golfkrieg. Aber da war die Apokalypse schon vorbei. 1988 habe ich Abitur gemacht. Da ging es mir noch gut. Wir machten Witze über den Trick mit der Aktentasche über dem Kopf, analysierten The day after und schrieben gefühlige Gedichte über Selbstverstümmelungsversuche. Der brutale Nihilismus der 80er Jahre war ja zugleich äußerst sentimental und setzte eine ungeheuer erotische Lust an der Zerstörung frei. Ich dachte damals noch, daß man mit zunehmendem Alter mehr Lebenskomfort haben müßte und berechnete mein Lebensende auf dreißig Jahre. In diesem Jahr, das zugleich das letzte dieses Jahrtausends sein soll, ist es soweit.
Die Parole Trau keinem über dreißig bedeutete für uns, ab dreißig muß man büßen. Wir haben uns angekettet gegen die Stationierung von Pershings, Awacs und überhaupt gegen Gorleben. Die meisten Friedensmärsche, die ich erinnern kann, waren kilometerlange Findeverfahren von Liebesobjekten. Die Nähe zum pestähnlichen Tod wirkte libidinös. Manchmal tauschten wir unsere Peace-Sticker ja auch mit Anarcho-Zeichen oder RAF-Emblemen aus. Je sicherer es war, daß die Welt in einer atomaren Katastrophe untergehen würde, desto sorgloser wurde ich. Das Gefühl, alle großen Singulare wie Gesellschaft, Sinn, Geschichte erfolgreich abgeschüttelt zu haben, machte uns bereit für die Erfahrung des anderen. Obwohl die Zeit der Menschheit endgültig abgelaufen schien, hatten wir vielleicht gerade deshalb viel Muße herumzuschweifen. Leben bedeutete damals Ausprobieren. Unsere Studienwahl war noch nicht von Zukunftsängsten geprägt.
Die Apokalypse blieb aus. Das machte alles viel schwieriger. Ich beendete mein Tagebuch, als Pink Floyd von der abgebrochenen deutsch-deutschen Mauer herunter in die jubelnde Masse spielten. Eine erste Erfahrung des anderen war, als ich feststellen mußte, daß die meisten Menschen nicht ZEIT, FAZ oder SZ sondern BILD lasen. Ich hatte inzwischen eine eigene Wohnung und mein Philosophiestudium aufgenommen. Der symbolische Tod aller Werte in den 80ern war tatsächlich ihre komplizierte Rettung gewesen. Punk war noch Aufklärung. Plötzlich aber gab es Diskussionen darüber, ob auf den Briefmarken Bundesrepublik Deutschland oder einfach Deutschland stehen sollte. Und es gab Techno. Im Grunde war das eingetroffen, was wir im Privaten schon vorweggenommen hatten: die Feier vor dem Abgrund. Aber ganz anders, als wir dachten. Ohne Abgrund. Der Abgrund wurde zum Alltag und die Rettung zum Wochenende. Plötzlich gab es Aids, Fremdenschwemme, bewußtseinseinschränkende Drogen, kein Geld für alle. Ich kann mich noch an eine Diskussion der radikalen Pazifisten erinnern, die einen kollektiven Selbstmord vorschlugen, um damit die Erde zu retten. Jetzt war aus der kollektiven Angst die Neidangst jedes Einzelnen geworden. Plötzlich gab es die neue Rede.
1993 unternahm ich meinen ersten Suizidversuch. Natürlich stümperhaft und aus Liebe. Natürlich habe ich überlebt. 1990 war ich in die Ex-DDR gefahren, war durch die leeren Grenzanlagen gestöbert, die ich noch aus meiner Kindheit kannte. Wo früher die Pässe in kleinen Gondeln von einem Wachhäuschen zum nächsten weitergereicht wurden. Wo wir als Kinder zum ersten mal Angst hatten, als mein Vater mit den Zöllnern verschwand und ohne Bart wieder kam. Eigentlich wollte ich nach Weimar fahren, um mir Gartenhaus und Buchenwald anzusehen. Aber dort war nichts außer der ersten deutsch-deutschen Würstchenbude. Ich bin dann doch weitergefahren, nach Freiberg, wo ich mich verliebt habe. Lotte, wie alle meine ostdeutsche Eroberung nannten, lehrte mich den Paartanz. Das war für mich eine völlig neue Erfahrung. Nach dem Suizid des Politischen kursierte im Westen das kalte Programm des Fin de siecle. Zum ästhetischen Beobachter geworden galt für mich die postmoderne Maxime: alles kann spannend sein. Als wäre die Begegnung des Naiven und Sentimentalischen noch einmal hoffnungslos inszeniert worden, zerbrach unsere Beziehung bald, für mich mit einem schlechten Kolonialgewissen.
Seitdem ich wählen durfte, gab es nur den einen großen politischen Körper. Also fing ich wieder an zu schreiben. Die ganze emotionale Energie der Zufriedensbewegung, wie wir sie später genannt haben, muß in die Rückzugsstrategien investiert worden sein. Ich mietete mich bei einer neuen Frau ein und arbeitete zwei Jahre lang durch, ohne aufzusehen. Mitte der 90er muß es gewesen sein, als die FDP mit dem Slogan warb: Leistung muß sich wieder lohnen. Ich glaube, in dieser Zeit hatten alle die Idee, man muß nur fleißiger sein als die anderen. Strukturelle Lösungsansätze gab es nicht mehr. Die offiziellen Durchhalteparolen reproduzierten sich in jedem Arbeitszimmer. Rennen war angesagt. Es war die Zeit des Freizeitparks und der Peanuts. Als ich von meiner Arbeit aufsah, konnte ich zufrieden sein, mußte aber feststellen, daß ich inzwischen innen und außen im Diskurs der Globalisierung zum sozialen Müll geworden war.
1997 unternahm ich meinen zweiten Suizidversuch. Diesmal besser geplant, aber ebenfalls aus Liebe. Diesmal verschaffte mir eine große Dosis Schlafmittel zwei Tage Bewußtlosigkeit und drei Monate Rehabilitationszeit. Jetzt war ich für den Schock der Realität gut vorbereitet. Mir wurde zum ersten mal deutlich, in welchem Vakuum das Ich der 80ziger Jahre gewuchert war. Den postmodernen Parolen von der Abschaffung des Subjekts folgte das Faustrecht, das wahrscheinlich die ganze Zeit über gegolten hatte. Ich mußte es vergessen haben. Die neue intellektuelle Rechte hatte schon früh mit diesem Vergessen gewirtschaftet. Ich entschied mich, einen sicheren Ort zu finden. Mein Programm bestand darin, meine eigene Maschine zu werden. Ich wollte unbedingt den Tag strukturiert wissen. Das kindlich schlechte Gewissen, unendlich viel Zeit vertan zu haben, half mir dabei. Autorität war zum ersten Mal in meinem Leben positiv besetzt. Ich ärgerte mich, daß ich nicht zum Bund gegangen war. Da hätte ich das schon viel früher lernen können. Als ich in der Pubertät war, hatte ich oft die Utopie, den Herr der Fliegen nachzuspielen, mit glücklichem Neuanfang natürlich. Jetzt bestand meine Utopie darin, möglichst perfekt zu sein. Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind einmal meine Eltern gebeten habe, doch strenger zu sein. Mein Leben war bisher immer eng mit der Idee der Apokalypse verbunden. Ich hoffe, das ist bald vorbei.
Im Herbst 1998 trat das ein, was wir an jedem Wahlabend seit meiner Schulzeit herbeigesehnt hatten: der Machtwechsel. Aber die politischen Subjekte, die unter den neuen Bedingungen loslegen wollten, gab es nicht mehr. Die, die immer noch an die Aufstellung von Denkmälern für unbekannte Deserteure glaubten, blieben lieber bei ihrer alternativen Freizeitgestaltung. Aber niemandem wollte die Rückkehr zu einer sauberen Feindbildung gelingen. Selbst die Empörung, daß es so etwas noch gibt im 20. Jahrhundert, wird bald kaum mehr zu verstehen sein. Im Rückblick wird das 20. Jahrhundert schwerlich als Überwindung des 19. Jahrhundert gesehen werden können. Es wird viel mehr als Jahrhundert der Extreme in die Geschichte eingehen. Merkwürdiger Weise klingt 21. Jahrhundert sehr modern. Klingt noch so, als wäre der Fortschrittsoptimismus ungebrochen, als wäre es ausgemacht, daß es entweder immer besser oder immer schlechter werden müßte. Dabei hat uns die Apokalypse, die Schwester der Utopie, doch gut darauf vorbereitet, daß es nicht um Zäsuren, sondern um das Verschwinden geht. Vielleicht sollte an die Stelle der Geschichtsschreibung eine Theorie der Navigation treten.
Letzt habe ich mich dabei ertappt, daß ich energisch für den NATO-Einsatz im Kosovo bin. Ertappt heißt, daß ich dachte, ich müßte deshalb auch alle meine früheren Position, auch die zum Golfkrieg, im nachhinein revidieren. Das ist natürlich dumm. Die Brutalität im jugoslawischen Bürgerkrieg war für mich der letzte Schock der Realität. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mein ausgelöschtes Ich wieder in den Dienst der guten Sache zu stellen. Aber ich wußte nicht, was ich der guten Sache anbieten könnte. Als ich am nächsten Tag zeitunglesend Bahn fuhr, saßen neben mir vier junge Mädchen, die wild ihre Handys durchprogrammierten. Sie simulierten immer wieder den Anruf, der nicht kam. Auf mich machten sie mit ihrer leichten Leibesfülle und den klobigen Schuhen den Eindruck von Monstern. Am gleichen Tag hatte ich die Vision, die Menge an freiwilligen Idioten müßte in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen haben. Plötzlich war ich wieder vierzehn und laß Stanislaw Lem über die Spaltung der Menschen in eine Zweiklassengesellschaft. Ich wollte weg. Bis mir einfiel, ich könnte ja Fund-Raiser bei Greenpeace werden. Ich fand diese Entscheidung respektabel und schob sie auf. Was blieb, war das Gefühl, ich könnte versuchen, anständig zu sein.