Vier sagt sie
Leander Scholz
 

 

 

5.4.1999


 

 

Hast du gut geschlafen? Erste Frage am ersten Morgen in unserem ersten gemeinsamen Bett. Ängstliche Frage. Sie wisse nicht, sagt Hanna, aber sie sei noch müde. Da ich in der Woche Frühstück bereite, eine 6-Tage-Woche übrigens, ist sie heute an der Reihe. Es ist Sonntag, aber ich bin hellwach. Die Matratze ist hart, und Hanna ist weich. Ich habe gute Laune und schmiege mich noch einmal an ihren warmen Körper. Warum bist du so weich, Hanna? Das habe ich nur so daher gesagt. Aber Hanna hat morgens meist schlechte Laune (schlechten Kreislauf). Der liebe Gott, sagt sie, hat die Frauen weich gemacht und vorne mit zwei Fettpölsterchen ausgestattet, damit sie sich beim Fallen nicht wehtun. Gut, das war’s dann. Das beste ist, wenn ich heute Frühstück bereite und erst mal Kaffee hole (Kreislauf).
Ich sitze auf der Bettkante und suche meine Pantoffel. Tut mir leid. Hanna richtet sich mühsam auf und faßt nach meiner Hand. Ich konnte nicht einschlafen. Du hast die ganze Nacht mit den Zähnen geknirscht und unverständliches Zeug gequatscht. Ich hatte einen Alptraum. Manchmal schaffe ich es, Hanna ein schlechtes Gewissen zu machen. Was hast du denn geträumt, mein Liebling? Ich stehe jetzt vor dem Bett, um Raum für große Gesten zu haben:
Mir träumte, die EG hätte ein breit angelegtes Subventionsprogramm für Akademiker beschlossen. Ziel war es, die einheimische Textproduktion ins nächste Jahrtausend zu retten. Im Traum saß ich vor einem riesigen Formular und überlegte, für welches Projekt ich Zuschüsse beantragen sollte. Für jeden nicht publizierten Essay über Goethe bekam man hundert Mark. Die Obergrenze von 250.000 Zeichen pro Jahr durfte nicht überschritten werden. Das bedeutete, daß man sich für eine bestimmte Textgattung entscheiden mußte. Natürlich waren unter diesen Umständen Glossen und kurze Prosa viel beliebter. Dicke Romane waren ganz und gar förderungsungeeignet. Um die Preise für Text stabil zu halten, wurde alles, was die Schreiber darüber hinaus ablieferten, verbrannt.
Hanna lächelte wieder. Du hast mehrfach gegen die Wand geschlagen.
Ich war auf einer Riesendemo in Brüssel. Akademiker aus allen Ländern Europas waren dort, und sie trugen Anrufbeantworter mit sich, die sie mit lateinischen Merksätzen besprochen hatten. Es gab ein Gesetz, nach dem man nicht nur sein Thema zwei Jahre im voraus bestimmen, sondern mindestens einen potentiellen Leser benennen können mußte. Da die meisten Textwerkstätten ja Familienunternehmen sind, hatten viele der Schreiber deshalb ihre Frauen mitgebracht. Der Verein Frauen schreibender Männer, der ja traditionell Probleme hat, junge Frauen als Mitgliederinnen zu gewinnen, warf mit Kaffeebomben auf das Europaparlament. Eine fatale Konsequenz dieser Subventionspolitik war eine ungeheure Flut von Romananfängen, die wesentlich besser als Romanenden bezahlt wurden. Das Produkt selbst spielte ja keine Rolle mehr. Wichtig war, daß es sie noch gab, die deutschen Schriftsteller. Denn das eigentliche Ziel der Förderung sollte die Lösung von Nachwuchsproblemen sein. Weil Schriftsteller sich ja so schwer verheiraten lassen und gelegentlich aus Kongressen schon Brautschauen gemacht wurden. Weil Schriftsteller nur noch in Schriftstellerfamilien einheirateten. Weil Schriftsteller auch mal in Urlaub fahren und das Meer sehen und sich für diese Zeit einen Ersatz leisten können sollten. Weil Schriftsteller einfach auch mal am langen Samstag zu finden sein sollten. Die christlichen Parteien hatten sogar einen Slogan entworfen, der den Schriftsteller wieder in den Volkskörper einbetten sollte: Tapfer die deutsche Frau, die einen deutschen Schriftsteller heiratet.
Hanna lächelte immer noch. Und wofür hast du demonstriert?
Ich hatte ein Transparent mit der Aufschrift: Denkt an die dritte Welt! Hannas Lächeln ging über in ein schelmisches Grinsen. Ja, ich rief die ganze Zeit über: In Afrika haben die Menschen nichts zu lesen!
Hanna schüttelte ihren Kopf. Sie meinte, zur Strafe müsse ich ihr das Frühstück ans Bett bringen. Das mit dem schlechten Gewissen hatte nicht funktioniert. Und aus meiner 6-Tage-Woche war eine 7-Tage-Woche geworden. Aber: Kreislauf und Laune gut.