Drei sagt sie
Leander Scholz
 

 

 

5.3.1999


 

 

Hast du Lust auf eine Tasse Tee? fragt Hanna. Ich nicke. Möchtest du eine Tasse oder ist es dir egal? Ich antworte, daß ich sehr gerne eine Tasse Tee hätte. Oder möchtest du lieber einen Martini? Während der Arbeit etwas zu sich zu nehmen, ist so, als würde man seinen Ausfluß kompensieren wollen. Oh ja, ein Martini wäre genau das richtige! Hanna bleibt im Türrahmen stehen. Sie hat ihre schmalen Hände schräg auf das weiße Holz gelegt. Obwohl sie in meinem Rücken ist, sehe ich genau, daß eins ihrer Beine eingeknickt ist und sie ihrer Hüfte freies Spiel läßt. Vorhin wolltest du noch einen Tee! Ich muß mich umdrehen. Und jetzt möchte ich einen Martini! Hanna schmiegt sich genüßlerisch an das Holz. Bist du sicher? Ich meine, wenn du eben unsicher warst, könntest du doch auch jetzt deine Entscheidung noch bereuen. Oder hast du das eben nur so hingesagt?
Es reicht. Hanna, sage ich, und das sage ich in einem flehentlichen Ton, der meine ganze Qual mit hineinnehmen, aber jeden Streit vermeiden soll. Hanna, ich muß arbeiten. Spielverderber. Ich sehe genau, daß sie das denkt. Spielverderber, sagt sie, dreht sich um, bleibt aber kurz hinter der Tür stehen und schlendert sehr langsam zum Küchenschrank. Jugendstil. Den haben wir am Wochenende in Belgien gekauft, und ich bin jedes Mal stolz, wenn ich etwas auf die Anrichte legen kann, die vorher noch nicht da war. Ich höre, wie Hanna ein Glas auf das breite Eichenbrett stellt. Es wird gefüllt. Bringst du mir auch einen Martini? Hanna betritt wieder das Zimmer und setzt sich auf die Couch. Ich weiß nicht, sagt sie abwesend, vielleicht später.
Was machst du, mein Schatz? Ich versuche es einmal ganz lieb. Klug ist, wer das Zentrum seiner Frage nicht preisgibt. Hm? Ich sehe zu ihr auf und warte geduldig auf eine Antwort. Lesen. Ich hasse Hanna. Sie kennt meine Absicht ganz genau. Deshalb hat sie jetzt schlecht Laune, und ich neige zum Jähzorn. Was liest du, mein Schatz? Einen Artikel über Hermann Nitsch. Warum hast du mir keinen Martini mitgebracht? Ich dachte, du könntest dich nicht entscheiden. Ich stehe jetzt in der Mitte unseres Wohn- oder je nach dem Arbeitszimmers, drücke beide Hände tief in die Hosentaschen und komme mir lächerlich vor, als mein Blick auf die ledernen Hausschuhe fällt. Die hat Hanna mir geschenkt. Flach sind sie, ganz flach. Damit ich nicht meine schwarzen K-l-o-t-s-c-h-e-n trage. Truckerholzschuhe. Sie seien zu laut. Ich hasse es, wenn man zu Hause seine Straßenschuhe, (hört sich an, als wären sie unbedingt voll Hundekot), ausziehen muß und etliche Zentimeter kleiner durch die Wohung schleicht. Die ockergelben Lederschuhe sind flach, ihre Oberfläche ist von kleinen luftigen Löchern durchsiebt. Und weil sie so flach und lappig sind, schlappen sie beim Gehen auf und ab. Schlap, schlap. Ich meine, sie sind noch viel lauter als die Holzschuhe. Schlap. Noch einen Schritt, und ich sollte meine Frage besser ganz verbergen.
Ist irgend etwas? Hanna mustert mich, bleibt mit den Augen an meinen ausgbeulten Hosentaschen hängen, grinst. Geht’s oder juckt es? Ich sehe intelligibel zu Boden und mache eine angedeutete Gesprächswende auf dem Parkett. Wenn ich sie jetzt fragen würde, ob ich mit den Lederpantoffeln und meinem weichen Winterbäuchlein nicht auch aussehen würde wie ein Trucker, würde Hanna sagen, manchmal kannst du richtig süß sein. Schätzchen, Schätzchen, Schätzen, höre ich sie sagen. Aber dazu werde ich sie nicht befragen. Hör mal, sage ich aus meiner Gedankenbeuge heraus, das muß aufhören, wenn ich hier einziehe. Warum können wir nicht ernst und zärtlich zueinander sein? Hanna blickt. Du bist dir also doch nicht sicher? Ich blicke offensichtlich verständnislos. Ob du hier einziehen willst? Doch, sage ich, nach meinem Text suchend, ich finde einfach nur, daß solche Spielchen überflüssig sind. I-c-h bin entschieden. Kurze Pause. Wer weiß, ich denke, wir sollten unsere Zeit besser nutzen, wer weiß, ob wir in Zukunft noch so unbehelligt leben können. Hanna hat mir aufmerksam zugehört. Ich kann ihr keinen Vorwurf machen. Bist du dir sicher oder hast du dich entschieden? Sie spricht vorwurfslos. In solchen Situationen ist es am besten, sich unauffällig wieder an die Arbeit zu setzen. Hoffen, daß Normalität sich einstellt, ohne etwas dafür tun zu müssen. Ich empfinde, sagt Hanna, ohne daß ich sie sehen kann, solche Gespräche als Zeitverschwendung. Sie li
est wieder über Nitsch.