Zwei sagt sie
Leander Scholz
 

 

 

4.2.1999


 

 

Hanna ist böse auf mich. Ich weiß nicht warum, aber ich habe den Eindruck, daß sie nicht mehr mit mir spricht. Natürlich sagt sie »Danke«, wenn ich ihr Orangensaft eingieße und »Ja, bitte«, wenn ich sie frage, ob sie auch einen Tee möchte. Aber abgesehen von diesen wenigen Verbalaufmerksamkeiten richtet sie keinen vollständigen Satz mehr an mich. Ich bin mir nicht sicher, aber ich bilde mir ein, daß ich irgend etwas wirklich Wichtiges vergessen haben muß. Könnte es vielleicht sein, daß wir uns in den letzten Wochen selten bei Tisch unterhalten haben? Aber trotzdem haben wir uns immer noch Sätze gesagt. Ich vermisse es, wenn sie mich nicht fragt, ob ich mit meiner Arbeit zufrieden sei. Und ich vermisse es, daß ich selten etwas anderes als »ja« gesagt habe.
Weil ich denke, daß Hanna böse auf mich ist, habe ich sie ge-fragt, ob es ihr gut gehe. »Ja«, sagt Hanna, »ja, es geht mir gut.« Aber sie sei schlecht gelaunt, und damit ich nicht denken würde, daß das etwas mit mir zu tun habe, sagt sie mir gleich, daß ihre Laune gar nichts mit mir zu tun habe. Wir essen weiter. Ich überlege. Wahrscheinlich will sie, daß ich von selbst auf den Grund ihrer Übellaunigkeit komme. Wenn das stimmt, hätte ich doch Schuld an ihrem ernsten Gesicht. Das Jahr fängt ja gut an. In zwei Monaten werde ich zu ihr in die gemeinsame Wohnung ziehen. Mein Güte, vielleicht habe ich irgend etwas mißachtet, war nicht reinlich, gerade jetzt, in der Qualifikationsphase. Bis hierher sind wir ohne Streit ausgekommen. Und eines Morgens wachen wir auf, und Hanna ist schlecht gelaunt.
Wenn ihre unerträgliche Stimmung nur eine Stunde angedauert hätte, würde ich sie für einen Morgenmuffel halten. Aber es ist Nachmittag, und wir essen zu Mittag. »Und warum«, wage ich behutsam die Nachfrage, »warum bist du schlecht gelaunt?« Entweder gibt es jetzt Streit oder sie spricht wirklich nicht mehr mit mir. Ich kann mich noch nicht entscheiden, welche von beiden Möglichkeiten mir lieber wäre. Hanna sieht mich an. In der letzten Zeit hatte ich manchmal die Befürchtung, ich müßte mich darauf vorbereiten, einigermaßen gepflegt ins nächste Jahrtausend zu kommen. Wenn Hanna mich so ansieht, könnte man glauben, ich hätte keine große Chance. Wer zu Sylvester allein ist, muß tausend Jahre Rilke lesen. Ich sehe mich mit einem Buch in Hannas Zeitalter. Die Schrift ist die Schutzheilige der Einsamen, sehe ich mich rufen, während alle anderen in den Armen des neuen Zeitalters liegen. Wenn ich jetzt sofort umdisponiere, habe ich noch sieben Monate Zeit, um eine neue Wohnung und eine neue Freundin zu finden. Wobei das erste schwieriger und das zweite risikoreicher ist. Hanna öffnet ganz langsam ihre Lippen und verzieht ihren Mund. »Das muß sich ändern, wenn du hier einziehen willst.« »Was?« Februar, geht es mir durch den Kopf, ich kann im Februar nicht umziehen, zu kalt, frühestens im März oder besser im April. »Was muß sich ändern?« Jedes mal, wenn ich an das nächste Jahrtausend denke, habe ich die Vorstellung, daß man so bleibt, wie man zur Stunde null ist. Wer alleine ist, bleibt alleine. Wer in Bergheim wohnt, wird immer in Bergheim wohnen. Wer keinen japanischen Anzug trägt, wird nie einen japanischen Anzug tragen. Ein völlig unhistorisches Jahrtausend. Hanna winkt. Wem in dieser Stunde gewunken wird, denke ich, wird immer Abschied nehmen. »Hallo!« Hanna spricht wieder mit mir. Daß heißt, mit ein bißchen Glück kann alles so bleiben wie es ist. »Was sich ändern muß?« Hanna sieht mich sehr spöttisch an. »Deine Hysterie muß sich ändern. Ich hätte nicht gedacht, daß Du so schnell in Panik geraten kannst.«