Wüstenväter 2000
Leander Scholz
 

 

 

13.12.1999


 

 

Sortieren: Da wäre erstens der griechisch-römische Götterkosmos. Hier haben die Götter wesentlich die Aufgabe, lebenserhaltende Gewalt zu zivilisieren. Da kommt auch schon der Barbar, die Bedrohung dieser Zivilisation, der nicht zwischen den Gewalten unterscheiden kann. Diese Tradition mündet in humanistischer Bildungsanstrengung, die möglichst schon mit der Muttermilch eingesogen werden sollte. Der Verbündete wäre in diesem Fall das Erziehungssystem, der Gebildete der ideale Partner für das nächste Jahrtausend. Gut, der griechisch-römische Götterkosmos scheint uns nicht mehr viel zu bedeuten. Möglicher Weise nimmt er gegenüber anderen mythologischen Ordnungen keine hervorragende Stellung mehr ein. Möglicher Weise ist es uns inzwischen egal, von welcher Seite die Gewalt ausgeht.
Zweitens: Die jüdisch-christliche Tradition. Eine hervorragende Tradition. Immerhin hat sie schon seit über zweitausend Jahren Bestand und deshalb gute Chancen, uns auch über das Millenium zu tragen. Wir verdanken ihr das immergültige Gesetz, den Zentralismus, die Institution und überhaupt den Raum eines allgemeinen Menschen. Zeitweise auch der Ort des Staates, Beginn der inneren Gewalt. Welt der Söhne. Schade, daß es keine ernsthafte Koalition zwischen Marxismus und Katholizismus gegeben hat. Gut, in diesem Falle wäre der Partner zur Zeit die katholische Kirche. Schwieriger Partner. Zumindest zur Zeit. Hier müßte man auf einen neuen Papst warten. Aber es könnte sich lohnen.
Dritter Glaube: der Aberglaube. Neuplatonische Tradition. Mystizismus. Zeitweise synkretistisch im Katholischen aufgehoben, bis Reformation und Gegenreformation den kosmologischen Volksglauben ausgelöscht haben. Beinahe zumindest. Hierher gehört die Geschichte der Sekten und der Technognosis. Furchtbarer Partner, aber vielleicht der stärkste zur Zeit. Hierher gehört die Ökobewegung, die spirituelle Esoterik, vielleicht das ganze New Age. Die Gesänge der Technokids. Die Utopisten des kybernetischen Zeitalters. Und natürlich die Anhänger der neurolinguistischen Programmierung. Merwürdiger Weise scheint jede, wie auch immer geartete, Bewußtseinserweiterung fundamental asozial zu sein. Die Grünen, vielleicht der deutlichste politische Ausdruck dieser Kraft, versuchen, diese ihre Herkunft zu verleugnen. Muß man mal abwarten.
Vierter und letzter Strang: Moderne. Von mir aus ein eigener Strang. Protestantischer Strang. Die heimische Bibel als erster Bürocomputer. Heute vielleicht: das Kapital als Medium. Aufklärung durch Freihandel. Sind eigentlich alle Liberalen Protestanten? Auf jeden Fall ein hohes Maß an Rationalität. Vom Maschinenmenschen bis zum irdischen Paradies ist in dieser Tradition alles möglich, was eine Technokratie versprechen kann. Merkwürdiger Weise hat sie die Angewohnheit, sich permanent selbst zu korrumpieren. Deswegen: Vorsicht, dieser Strang ist katasthrophisch organisiert. Eigentlich ein interessanter Strang, als Partner aber unzuverlässig.
Eigener, vielleicht vergessener Strang: Das Mönchswesen. Aufopferung an den Rhythmus. Völlig für sich, aber beständig. Hier bin ich.