Null sagt sie
Leander Scholz
 

 

 

6.12.1999


 

 

Die Zeit ist merkwürdig still. Hanna und ich haben uns entschieden, die Silvesternacht im Zug zu verbringen. Eigentlich hat sich nicht viel geändert in diesem letzten Jahrtausendjahr. Das wird wahrscheinlich auch im nächsten, beginnenden Jahr so sein. Wir haben herausgefunden, daß in der Nacht zur Zeitenwende hier abends ein Zug nach Budapest abfährt. Diesen werden wir nehmen. Wir stellen uns vor, daß wir einfach an all den Städten und Feiernden vorbeifahren. Etwa um zehn Uhr morgens müßten wir in Wien zum Umsteigen ankommen. Wir stellen uns vor, daß es ein kosmonautisches Gefühl sein wird, nachts im Abteil eines Zuges zu sitzen und um Punkt zwölf Uhr eine Flasche Champagner aus dem Picknickkorb zu greifen. Es ist völlig still im Zug, hoffen wir, außer den Zuggeräuschen natürlich. Zumindest in unserem Abteil wird Stille herrschen. Ein Zweierabteil. Dort werden wir alles verabschieden. Normaler Weise muß man das, was man im letzten Jahr zurücklassen will, in der Neujahrsnacht auf einen Zettel schreiben und diesen dann verbrennen. Aber das brauchen wir nicht. Das geschieht ohnehin. Wir vergessen die Shoa, das Schweigen, die Avantgarde, das Eschaton. Es gibt keine Geschichte mehr. Aber es geschieht auch nichts Neues. Wir haben überlegt, ob wir zusammen mit anderen fahren sollen, aber das ist nicht möglich. Der Zug könnte stehen bleiben, man könnte sich zerstreiten auf so engem Raum, überhaupt, das ganze könnte schiefgehen, und das würden die anderen dann sehr bedauern. Vielleicht sind es auch die falschen anderen, haben wir überlegt. Aber damit hat es nichts zu tun. Wir sind alle Freunde durchgegangen. Es ist ein strukturelles Problem. Wir sitzen da zu zweit im Abteil und denken darüber nach, daß die Menschen in Europa nie weitergekommen sind, als sie es in den zwanziger Jahren schon waren. Wer würde das schon verstehen? Daß sie nicht einmal weiterkommen werden. Nun, wir freuen uns auf die Zukunft. Aber wir freuen uns nur, weil wir dieses letzte Bild haben. Hanna und ich liegen nachts im Bett, nebeneinander, und die Wände und Außenmauern, Masten und Oberleitungen fallen herab, und wir müssen feststellen, daß wir im All liegen. Aber wir liegen immer noch auf der Matratze. Das kann man nicht mehr Geschichte nennen. Alle tun so, als würden wir immer noch in der Geschichte leben. Aber die ist nun schon seit fast über fünfzig Jahren vorbei. Deswegen wird sich nichts ändern. Für wen auch. Wer sollte feststellen, daß sich etwas geändert hat? Ich bin jedenfalls froh, daß ich mich entschieden habe, nicht alleine zu fahren.