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Leander Scholz
 

 

 

11.10.1999


 

 

der Neue
Das Internet erscheint zur Zeit als ein Supermedium, weil es alle anderen Medien zu simulieren imstande ist. Das betrifft nicht nur die gewohnte Zeilenform von Texten als standardisierte Buchseite, Zeitungsspalte oder auch als normierte Typoskriptseite, sondern ebenso die Organisation von Texten durch Kapiteleinteilungen, Absätze, Inhaltsverzeichnisse, Verweisungszeichen, Register oder auch als Enzyklopädie, Lexikon und Archiv. Wie der Buchdruck erst dadurch das skriptographische Buch verdrängen konnte, daß er dessen Schriftbild simulierte und schließlich erweiterte, steht die Präsentation von Text im Internet zunächst in Konkurrenz zu herkömmlichen Formen. Das gilt ebenso für Formate tradierter Seh und Hörgewohnheiten bis hin zur Imitation von liveÜbertragungen und Zuschauerräumen. Deshalb scheinen die Inhalte der alten Medien auch zum großen Teil Inhalte des neuen zu werden. Ebenso verhält es sich mit der Literatur. Die Kontinuität, die Selektion und die Innovation von Formen lassen sich bei diesem Medienwechsel allerdings schwer beobachten, weil man nur von einer Analogie der Inhalte sprechen kann, so als würde man ein Thema in seiner textlichen und filmischen Realisation vergleichen wollen.

die Gruppe
Ein neues Medium verändert aber auch die gesellschaftliche Stellung aller anderen bzw. die Stellung der Medien zueinander und damit auch die der Buchliteratur. Die Medialität von Texten läßt sich als Form im Verhältnis zum äußeren Medium beschreiben oder als Situation ihrer Distribution. So wie die maschinelle Vervielfältigung und Standardisierung von Texten durch den Buchdruck sich als Zunahme der Textmengen und als Erweiterung des Adressatenkreises beobachten läßt, kann man versuchen, das In-ternet zunächst als Distributionsmedium zu erfassen. Denn die Kommunikationsmodelle einer res publica litteraria bis hin zur Imagination eines öffentlichen Marktplatzes der Meinungen zur Zeit des aufkommenden Zeitungswesens lassen sich als strukturierende Reaktionen auf die Menge der zirkulierenden Texte verstehen. Dann wäre die Frage nach der Medialität von Texten allerdings nicht in erster Linie eine Frage nach der strikten Kopplung zwischen Medium und Form, sondern nach der kulturellen Praxis im Umgang mit diesen Medien. Die erfolgreiche Alphabetisierung ermöglichte es erst, einen allgemeinen Leser zu adressieren, der dann als Teilnehmer einer Öffentlichkeit erscheinen konnte. Dieser Idee der – im Unterschied zur repräsentativen als demokratisch verstandenen – Öffentlichkeit verdankt zumindest die moderne Literatur ihre spezifisch ästhetische Wahrnehmung von Gesellschaft. Zu fragen wäre deshalb, wie bestimmte Themen im Medium Internet Aufmerksamkeit erzeugen und ob die Zirkulation und Kommunikation dieser Themen noch mit den Kategorien öffentlich und privat zu beschreiben sind. Geht man einmal davon aus, daß die Organisation dieser Kommunikation wesentlich von der Art der Gruppenbildung und ihrem Kommunikationsmodell abhängt, das im Internet zunächst eher an geschlossene Gemeinschaftsbildungen erinnert, dann hätte das für die gesellschaftliche Funktion von Literatur erhebliche Folgen. Zur Zeit, da die Aufmerksamkeit im Internet noch wesentlich von anderen Medien wie Zeitung und Fernsehen hergestellt wird, scheint die Literatur auf der Folie der neuen Medien gegen die gesellschaftliche Fragmentarisierung eine ganzheitliche Funktion innezuhaben. So wie die Handschrift kurz nach der Einführung des Buchdrucks als traditionsverbürgendes Medium gesehen wurde, erscheint die Literatur vor allem als ein kulturbewahrender Ort. Ob sie auch weiterhin eine führende Rolle in der Gesellschaftsbeobachtung durch Kunst – also jenseits ökonomischer, juridischer oder wissenschaftlicher Beschreibung – haben wird, hängt deshalb entscheidend davon ab, wie sich die moderne Öffentlichkeitsvorstellung durch das Internet verändern wird.

das Gerücht
Fragt man nach den spezifischen Merkmalen des neuen Mediums jenseits der Simulation anderer Medienformate, stößt man in der aktuellen Diskussion auf die Stichworte Hypertext, Interaktivität und Multimedialität. Die Simultaneität und Vernetzung von Texten, Bildern und Musikstücken unterscheidet sich in ihrer Organisation etwa von Bibliotheken oder auch Lexika nicht in erster Linie durch den stringenteren Verweis, sondern durch die Zugriffsgeschwindigkeit. Natürlich kann man den verankerten Verweis in literarischen Texten auf andere Texte als Ausbruch aus der Linearität der Zeile feiern, aber dazu muß man die Linearität von herkömmlichen Texten mit der Linearität der Zeile erst identifizieren und damit vereinfachen. Die zeitliche Linearität des Lesens, der auch beim Buchlesen schon visuelle Verfahren wie etwa die kursorische Lektüre oder das Erfassen einer ganzen Textseite entgegengesetzt sind, bleibt damit unangetastet. Viel entscheidender als die technisch unterstützte Assoziation scheint dagegen die Verräumlichung der Texte zu sein, die sie zum Teil durch intermediale Bezüge erhalten. Während im Zeitalter der Alphabetisierung vor allem die Zeitlichkeit des Lesens und der Sprache betont wurde, legt das Internet zunächst nicht nur eine topologische Organisation der Texte nahe, sondern betont das Primat des Bildraums vor dem Zeichenraum. Zugespitzt wäre deshalb zu fragen, ob es Texte als Repräsentationszusammenhänge im Internet überhaupt geben kann oder ob deren Generierung wesentlich stärker von bildlichen Rahmenvorstellungen abhängt.

der Streit
Die Frage, inwiefern Literatur die technischen und ästhetischen Möglichkeiten des Internets nutzen kann, legt die Idee nahe, von einer spezifischen Netzliteratur zu sprechen, die ihre Form aufgrund der medialen Besonderheiten ausgeprägt hat. Natürlich kann man sagen, daß etwa ein Zeitungstext einen bestimmten Satzbau nahelegt oder ein Hörtext auf seine stimmliche Präsentation hin geschrieben ist und insofern auf seine mediale Realisation achtet. Aber es würde keinen Sinn machen, von einer Zeitungsliteratur zu sprechen, wohl aber von einer Literatur, die einen Medienstil, in diesem Falle den der Zeitung, imitiert. Auch der mögliche Begriff Hörliteratur macht als Hörspiel wesentlich mehr Sinn, weil dieser eine völlig andere Kunstgattung impliziert. Wenn Netzliteratur nicht nur Literatur im Netz bedeuten soll, sondern ebenfalls eine eigene Kunstgattung meint, dann ist diese Bezeichnung insofern ungünstig, weil darunter immer noch Literatur im herkömmlichen Sinne zuzüglich der Ausstellung von technischen Möglichkeiten diskutiert wird. Die Innovation bliebe dann auf der Seite der Technik, die sich nicht von anderen Nutzungszusammenhängen unterscheidet. Das Verhältnis von Medium und literarischer Form wäre dann ein Realisationsverhältnis und kein künstlerisches. Natürlich kann etwa ein Roman auch Medienstile des Internets wie email, chat oder newsgroup simulieren und dadurch Medialität thematisieren, aber das würde ihn nicht unbedingt als Netzliteratur auszeichnen. Der entscheidende Hinweis eines solchen Umgangs besteht allerdings darin, daß in diesem Fall das Medium für die Formentwicklung der Literatur reine Umwelt bliebe. Zwar kann sich Kunst für technische Möglichkeiten interessieren, aber, wenn sie Kunst bleiben will, nur aus dem Interesse an ihrer immanenten Formvarianz heraus.

das Thema
Wenn Literatur durch Beschreibung anderer Medien wie Film, Musik, Gemälde oder eben auch das Internet Medialität thematisiert, dann geht es dabei nicht in erster Linie um eine Beobachtung der je-weiligen Medialität oder etwa um übersetzende Intermedialität, sondern um Fiktionsmodelle wie etwa Text als Musik oder Film als Text, deren Leistung in einer Steigerung der ästhetischen Formvarianz liegt. Das Mediale ist dabei nicht Gegenstand der Erkenntnis, sondern bleibt rein thematisch und dient ausschließlich den jeweiligen Textverfahren. Auch die Thematisierung von medial vermittelter Erfahrung steht nicht, wie vielfach gefordert, im Interesse einer möglichen Medienaufklärung, sondern kann die modernen Problematisierungen von Geschichte als Sinngeschichte zugunsten einer Problematisierung von Wahrnehmung ablösen. Trotz der Unmöglichkeit einer Beobachtung eines Mediums durch ein anderes kann es deshalb Sinn machen, Gegenwart literarisch als medial verfaßte Gegenwart zu beschreiben und zu erzählen. Denn solche Erzählverfahren bieten die Möglichkeit, an den ausdifferenzierenden Formimperativ der literarischen Moderne anzuknüpfen, ohne die Narrativität in eine Krise führen zu müssen. Vor allem schützen sie aber davor, ein einfaches Erzählen jenseits dieser ästhetischen Moderne als neu auszugeben, das sich dazu letztlich nur noch naiv stellen kann.