Sechs sagt sie
Leander Scholz
 

 

 

13.9.1999


 

 

Hanna meint, ich könnte keinen richtigen Streit vom Zaun brechen, weil ich im Grunde viel zu harmoniebedürftig sei. »Du bist eben kein Einzelkind«, ruft sie mir aus der Küche zu. Denn alles das, meint sie, was man bisher über Einzelkinder gesagt hat, treffe in Wirklichkeit auf Geschwisterkinder zu. Dabei denkt sie nicht nur an den Futterneid, die Sucht nach Auf-merksamkeit, sondern auch an die ewige Suche nach Harmonie, die man in einer mehr oder weniger großen Familie ja immer vermißt. »Unsinn«, brülle ich zurück, ohne zu merken, daß ich schon wieder viel zu laut bin. »Einzelkinder haben es doch viel leichter, die bekommen immer alles, was sie wollen. Deswegen sind sie es nicht gewohnt, um etwas zu kämpfen.«
Da steht Hanna mit dem Spültuch in meinem Arbeitszimmer, mit dem sie unheilvoll vor sich her wedelt. »Jetzt hast du aber einiges mißverstanden«, erklärt sie, »Einzelkinder lernen sehr früh, ihre Eltern als Feinde zu betrachten, als übermächtige Feinde, die sie deswegen austricksen müssen.« Das sagt sie, in ihr Spiel mit dem Spültuch verliebt, welches inzwischen zu einem festen Strang verdreht ist. »Während Geschwisterkinder sich doch immer mit ihren Eltern gegen einen Gleichaltrigen aus der Rangordnung verbünden müssen und deswegen nicht lernen, sich mit Ranghöheren auseinanderzusetzen.« Jetzt schnalzt sie mit dem Spültuch, so daß selbst ich merke, wie unverhüllt sie das Gespräch auf unser eigentliches Problem lenken will. »Denn grundsätzlich«, folgert sie, »werden Geschwisterkinder deshalb die Rangordnung immer akzeptieren.«
Ich weiß, daß Hanna damit mein politisches Engagement meint. E-n-g-a-g-e-m-e-n-t, sagt sie sonst stets ganz langsam und wiederholt in ironischen Versatzstücken das, was ich ihr dazu erkläre. Du willst dich ja doch nur streiten, beendet sie meist meine Exkurse, was so viel heißt wie, du willst dich vor dem Spülen drücken oder du freust dich schon auf den Versöhnungsbeischlaf oder du willst, daß alles so bleibt, wie es ist. Auf keinen Fall bedeutet es, daß sie meinen Auseinandersetzungswillen schätzt, der ihrer Meinung nach nur sehr begrenzt ist, tatsächlich sogar ein Wille zur Verhinderung von Veränderungen ist, da ich, sagt sie, nur dann Streit suche, wenn es sowie schon viel zu spät ist, um die wirkliche Ursache einer Mißstimmung zu ignorieren.
»Das ist doch ganz einfach«, spricht sie mich jetzt direkt an, obwohl ich mich wieder vergeblich auf meine Arbeit zu konzentrieren versuche, »Geschwisterkinder streiten nur, um einen wirklichen Konflikt in der Rangordnung zu verdecken. Denn der Streit soll schließlich die Eltern nötigen, einzugreifen und die ursprüngliche Ordnung wieder herzustellen.«
Ich antworte nicht. Schweigen erscheint mir jetzt als die wirksamste Reaktion. »Im Grunde«, setzt sie noch einmal nach, »sind Geschwisterkinder nicht besonders sozial, sondern nur von einer permanenten Unzufriedenheit geprägt, die sie später dann als p-o-l-i-t-i-s-c-h-e Bewegung tarnen.« Sie weiß, daß ich mich dazu nicht äußern werde. Daß ich es nicht für sinnvoll halte, darüber nachzudenken, warum ich mich engagiere. Ich habe es ihr zu erklären versucht, aber es hat keinen Sinn, weil ihr die soziale Praxis fehlt. Hanna schnalzt erneut mit dem Spültuch. »Wenn du meinst«, sagt sie nun wirklich verärgert durch mein Schweigen, »du könntest dich so um das Spülen drücken, dann ist das eine noch schlechtere Methode, als einen Streit anzufangen.«
Es hat keinen Sinn mehr, den angefangenen Text weiter zu korrigieren. Hanna wird mir keine Ruhe lassen. Ich gehe zum Angriff über. »Siehst du«, sage ich ohne aufzusehen, »wenn wir Kinder hätten, könntest du sie jetzt zur Hilfe im Haushalt erziehen.« Hanna grinst. Sie weiß, daß ich weiß, daß sie Kinder haßt. »Es ist unmöglich«, antwortet sie lakonisch, als würden wir über die neuste Generation von Laptops sprechen, »heutzutage gut erzogene Kinder in die Welt zu setzen.« »Das meine ich ja«, drehe ich mich zu ihr um, »eine Gesellschaft voller Einzelkinder bedeutet nicht nur eine Gesellschaft voller Ellenbogen, sondern auch eine Gesellschaft, die nur noch aus Söhnen und Töchtern besteht und deshalb keine Hierarchien mehr akzeptieren kann. Eine Gesellschaft der freien Mitarbeit.« Und als freier Mitarbeiter kann ich mir aussuchen, wann ich spüle.