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Leander Scholz
 

 

 

23.8.1999


 

 

Ich glaube, es war Mitte der 80er Jahre, als ich mein erstes Computerprogramm geschrieben habe. Natürlich ein Telespiel. Was man heute wohl schwerlich als simuliertes Tennis erkennen könnte, bestand aus je einem kleinen beweglichen Balken rechts und links am Bildschirmrand, einem Trennstrich in der Mitte und einem dicken Punkt, der sich per Zufallsgenerator auf dem schwarzen Hintergrund hin und her bewegte. Das Programm bestand aus 300 Zeilen im Beginners all simple information code (BASIC). Ich hatte meinen handlichen C64 mit Datasette gerade mal drei Wochen, und meine Eltern wunderten sich über meine bis dahin unentdeckte Kreativität. Das Programm war abgetippt. Aber was das entscheidende war: Ich hatte es fehlerfrei von einem anderen Medium in meinen Computer übertragen und damit in virtuellen Besitz genommen.
Zu dieser Zeit las ich gerade Hermann Hesse. Wie es in der Epoche des vorherrschenden Buchdrucks noch üblich war, markierte ich damit exakt meine Altersgruppe: Jules Verne, Stanislaw Lem, Hermann Hesse. Erst den Steppenwolf, dann Narziß und Goldmund, mit äußerster Identifikation Demian und schließlich, in dem Gefühl älter zu werden, Sidharta. Nur wer besonders ausdauernd war, stieß bis zum Glasperlenspiel vor: Hesses mytisches Universalwissensprojekt. Fasziniert von der Idee, ein Pro-gramm zu entwickeln, in dem alles Wissen, was ich im Laufe meines Lebens anhäufen würde, ver-bunden sein sollte, machte ich mich gleich an die Einverleibung des Glasperlenspiels in meinen C64.
Während andere ihre tägliche Erfahrung noch sorgfältig und chronologisch geordnet in ein liniertes Tagebuch eintrugen, arbeitete ich an einer Datenbank, die ich mit den unterschiedlichsten Daten aus meinem Leben fütterte. Nach kürzester Zeit konnte ich jeden Tag aktualisierte Listen zu diversen Topoi meiner Autobiographie ausdrucken. Etwa: 1. Bücher, die ich gelesen habe; 2. Bücher, die ich gelesen habe und die mir gehören; 3. Bücher, die mir gehören, aber die ich noch nicht gelesen habe; oder 4. Bücher, von denen ich gehört, aber die zu lesen ich keine Zeit und mir deshalb vorsorglich schon einmal gekauft habe.
So enstand ein zunehmend kompliziertes Netz aus Informationen über meine derzeitigen und noch zu erwartenden intellektuellen Leistungen. Die Listen konnten aber auch wesentlich intimere Bereiche erfassen. Etwa: 1. Liebesbriefe, die ich schon geschrieben habe; 2. Liebesbriefe, die ich geschrieben und abgeschickt habe; 3. Liebesbriefe, die ich abgeschickt habe und ohne Antwort geblieben sind; 4. Liebesbriefe, die auf jeden Fall noch geschrie-ben werden müssen, und für die ich vorsorglich schon einmal einen Absageplatz reserviert habe.
Deutlich war natürlich auch mein Pubertätsstand an der Universaldatenbank abzulesen. Erotische Liste: 1. Sexuelle Abenteuer, die ich schon erlebt habe; 2. Sexuelle Abenteuer, die ich mir vorstellen kann noch zu erleben; 3. Sexuelle Abenteuer, die ich mir zwar vorstellen kann, aber nicht erleben will; 4. Sexuelle Abenteuer, die zwar die Vorstellungskraft sprengen, aber deshalb nicht unbedingt aus dem Erleben ausgeschlossen werden dürfen.
Nach ungefähr acht Jahren verschlissener Abende und Nächte hatte ich eine Datenbank, die es mit jeder privaten Sammelleidenschaft aufnehmen konnte. Während andere ganze Regalräume und Fotokontainer mit ihren Reflexionen und Erinnerungen füllten, paßte mein Universalspiegel auf ganze zwanzig Disketten (die großen!). Andere mußten an verrauchten Abenden kleine Leitern besteigen, um sich ihr siebzehntes Lebensjahr wieder ins Gedächtnis zu rufen. Mir reichte ein tastaturgroßer Homecomputer mit Floppy-Disk, die ich sogar auf Reisen immer zur Datenpflege mit mir führen konnte. Fremdes und Eigenes konnte ich so in meiner Biographiemaschine ohne Rest verarbeiten. Die simulierte Bibliothek aus Einträgen und Listen hatte vor der realen sogar noch den Vorteil, daß sie jene zwar als zweiten Lebensraum beerb-te, aber als freundlicher Ort des Rückzugs aus dem Alltag wesentlich einfacher einzurichten war.
Dann kam der Tag, vor dem sich jeder Computerbesitzer panisch fürchtet. Auch nach dem Betätigen der Einschalttaste blieb der Monitor, der damals immer noch ein Fernsehbildschirm war, schwarz. Als ich mit meinem Commodore unter dem Arm zum Computerhändler ging, wurden mir für das Gehäuse fünfzig Mark geboten. Ich aber wedelte mit meinen zwanzig Disketten, deren Inhalt für mich von heute auf morgen nicht mehr betretbar war. Die verzweifelten Aktionen, bei Freunden der gleichen Generation anzurufen, endeten alle damit, daß ich zur Kenntnis nehmen mußte, daß sich unter den angewählten Telefonnummern keine Stimmen, sondern nur Authentifizierungsprogramme meldeten. Anstatt mit mir zu sprechen, verlangten diese meinen Code.
Ich war völlig allein, suchte in meinem Notizbuch nach den entsprechenden Adressen und startete eine Postkartenaktion. Ohne Ergebnis. Noch heute frage ich mich, ob die Postkarten jemals angekommen sind oder ob die Nicht-Beherrschung der alten Kulturtechniken der Grund für das fehlende Echo war. Es half alles nichts. Ich nahm die fünfzig Mark für meinen alten C64 als Grundstock zum Einstieg in ein neues Archiv. Die ersten Jahre war es sehr schwer für mich, ohne eigene Biographie zu leben.
Das Netz, an das ich mich angeschlossen hatte, sah kein privates Archiv mehr vor. Im Gegenteil, das skynet, das ich nur aus Terminator 2 kannte, war schon längst in Betrieb gegangen. Während ich mich jahrelang abgemüht hatte, meine private Bibliothek in das neue Medium zu übertragen, hatten andere die Gelegenheit genutzt, ihren Innenraum neu zu organisieren. Zwar hat das skynet, wie wir in den 80er Jahren noch befürchteten, nicht den futuristischen Kampf zwischen Mensch und Maschine eingeleitet, aber es hat einen neuen Menschen hervorgebracht. Kommunikation bedeutet nicht mehr Übertragung von Subjekt zu Subjekt, Austausch und Gabe, sondern nur noch, Teil einer größeren Kommunikation zu sein. Während die private Bibliothek die Bemühung darstellte, wenigstens im kleinen die gesellschaftliche Kommunikation geordnet abzubilden, ist im Computernetz diese Trennung von privat und öffentlich aufgehoben. Der Hacker, den die bürgerliche Kommunikation lediglich als Verbrecher wahrnehmen konnte, ist der neue Mensch, der sich nur noch auf die Schnittstelle zum nächsten verläßt. Merkwürdiger Weise konnte ich mich nicht einmal entschließen, die zwanzig Disketten, die mich darstellten, zu archivieren. Ich habe sie einfach zum Computermüll gegeben.