Eins sagt sie
Leander Scholz
 

 

 

22.1.1999


 

 

»Ich zähle bis drei.« Das war auch eine ihrer schrecklichen Angewohnheiten. Hanna hatte sich in den Kopf gesetzt, mit mir auszugehen. »Es ist immer das gleiche«, bemühte ich mich, ihr Vorhaben zu zerstreuen, »du amüsierst dich, und wenn ich damit anfange, wirfst du mir vor, egozentrisch zu sein.« Wenn Hanna sich energisch ihre Handtasche um die Schulter warf, sah sie aus wie Heinrich Böll, während er versucht, mit einem Atomkraftwerk zu reden. Ich weiß nicht, ob Heinrich Böll je versucht hat, mit einem Atomkraftwerk zu reden. Ich weiß nicht einmal, ob Heinrich Böll etwas gegen Atomkraft hatte, aber immer, wenn Hanna sich so zum Ausgehen rüstete, dachte ich daran, einen Schirm mitzunehmen, um bei einer spontanen Demonstration ihre Rede vor dem Regen zu schützen. Hanna erhob drohend ihren Böll-Finger. »Das letzte Mal hast du den Kellner davon zu überzeugen versucht, besser arbeitslos zu sein, als in einem türkischen Restaurant Sklavenarbeit für deutsche Ausbeuter zu leisten.« Voller Nachfreude hob ich die Schultern. »Er hatte einen deutschen Paß. Das war alles, was er wollte.« Hanna machte eine Geste, als hätte sie schon bis drei gezählt. »Und dann hast du die Gäste angeschrien, sie sollten mit gutem Beispiel vorangehen und sich selbst bedienen.« »Es war ein Familienbetrieb«, warf ich ein, »in ein paar Jahren hätten sie einen kleinen dicken Ersatz aufgezogen, der für den Kellner eingesprungen wäre.« »Was hat das damit zu tun?« Hanna war mindestens so irritiert, als hätte das Atomkraftwerk Böll geantwortet. »Der Junge war nicht dick. Er hätte Rechtsanwalt werden, Kinder in die Welt setzen, sich scheiden lassen und eine wunderschöne junge Frau finden können, um wenigstens den Rest seines Lebens zu genießen. Als türkischer Kellner in einem Familienbetrieb hat er keine Chance.« Kurze Pause. »Du bist zynisch.« Sehr kurze Pause. »Ich bin nicht zynisch, ich will nur nicht schon wieder türkisch essen.« Hanna vermutete Schlimmeres: »Was hast du gegen Türken?« Bei dieser Frage zünde ich mir in der Regel eine Zigarette an. »Sie füttern uns mit Kebab.« Hanna führte ihre friedensbewegte Hand an mein Kinn, streckte den Daumen wie eine zornige Tramperin nach oben und sagte: »Eins.« Das war Hannas mieser Trick. Sie zählte bis eins, ich inhalierte und dachte, bis drei fällt mir schon noch eine gute Widerrede ein. Dann klebte sie mir eine. »Das tut weh!« »Soll es auch.« Wenn man eine Antwort will, muß man zumindest so tun, als hätte man eine Frage. »Was habe ich denn getan?« »Mir reicht schon das, was du nicht tust!« Jetzt hatte ich eine Frage. Ich hielt sie mit beiden Händen energisch von ihrem Alleingang ab. »Was habe ich denn nicht getan?« Hanna nahm sanft meine Hände und führte mich wie ein störrisches Kind zurück zur Couch, auf der ich bis zu ihrer Countdown-Drohung gelegen hatte. »Du tust so, als lebtest du noch im 19. Jahrhundert. Sieh dich doch mal um. Keine Feinde. Du brauchst keinen Vorwand, wenn du nicht mit mir ausgehen willst.« Manchmal kann ein Schlag ins Gesicht ein Gespräch richtig auflockern. Hanna fühlte sich leicht und bot mir übermütig an, mich frei zu entscheiden. »Wenn du lieber hier bleiben und dir ein poetisches Magengeschwür ankritzeln willst, statt mit mir türkisch essen zu gehen, dann sag es doch einfach.« Ich glaube, dieser Abend war der erste gute Grund für mein einsames Silvester. Wassermannzeitalter, Hannas Zeitalter. »Hm?«, forderte sie sanft die Wahrheit heraus und versuchte, mich ins nächste Jahrtausend zu streicheln. »Gut. Ich kratzte mich am Kopf und rückte meine Brille zurecht, als hätte ich gerade einen Film von Woody Allen gesehen, »dann bleibe ich hier.«