Wo ist der Krieg? (Vom Durchschnitt USA aus gesehen)
Sabine Scholl

 

 

 

31.5.1999


 

 

Zu Anfang scheint er wie der andere im Irak, schleichend, unsichtbar, später dunkler Bildschirm, Lichteffekte, Feuer, sagt man, die Tragfläche eines Flugzeugs am Boden, später drei POWs, lebende Beispiele in fremder Hand, unglaublich, schrecklich. Natürlich, sagt die Highschool-Lehrerin des einen, helfen wollte er immer schon, und die mexikanisch-amerikanische Familie des anderen betet, daß er die Foltern übersteht, wahrscheinlich, denn er stammt aus Gangland, ist Härte gewöhnt.
Tagelang wird Kousouwou nun buchstabiert als Schicksal dreier Soldaten, und wo ist der Krieg, was soll dort sein und müssen wir dort hin? Was geht uns an, warum Familien, Völker sich bekriegen, ethnische Konflikte nie gehört, Streit seit Hunderten von Jahren, wer soll das verstehen?
Also ist Krieg die Mutter der Chicagoer Serbin und die Tochter sitzt am Telefon voll Angst: Mama, was ist los? Und Mama aus Belgrad beruhigt, und die Tochter weint und weiß nicht mehr wohin, welcher Identität sie nun gehört. Und Krieg ist das Bild der stillenden jungen Frau, Baby an der nackten Brust auf der Titelseite eines Magazins und dann, Mama, warum ist überall Dreck, warum haben die Leute kein Haus? Mama, was ist der Krieg? Mama, im Autoradio habe ich wieder Kousouwou gehört. Wo ist der Krieg? Ich will nicht, daß er zu uns kommt. Und im Kindergarten sammeln sie Seife, Zahnpasta und –bürsten, damit zumindest die Hände und Zähne der Flüchtlinge gesäubert sind. Meine Tochter weint, als ich nicht sofort in den Drugstore gehen will, Kousouwou ist nicht egal, Mama, die Menschen brauchen.
Und was denkst du vom Krieg, fragt der haitianisch-amerikanische Arzt besorgt, und gottseidank setzt dann das Schießen in den USA wieder ein und der Krieg rückt nach hinten, wird kürzer, Alltag, gewohnt und es geht jetzt um unsere Kinder, die sich selbst bedrohen, mit den Waffen der Eltern, doch das ist kein Grund, nicht Waffen müssen fort, nur die Schlösser besser, arme Teenager, so verwirrt von TV und Computerspiel, und seit Monaten beschießt man den Irak und seit Wochen ist nun Belgrad, einmal mehr, meist weniger davon.
Die Schlagzeilen der Zeitungen hinter Glas sprechen längst wieder von Betrug.
Aber dann kommt Onkel Jesse mit der Sensation, daß Beten hilft, und er reicht dazu Milosevic die Hand, sehr schön, und alle drei POWs sind plötzlich frei und es tanzen die Schwarzen in Kirchen und auf Flugplätzen, denn Gott hat gesiegt und der Bildschirm ist voll, weinende Mütter, Schwestern, Tanten, diesmal vor Glück, gekreuzt mit den Tränen der Mütter, Schwestern, Tanten von Opfern der Teenage-Schiessereien. Wo ist der Krieg?
Er rutscht schließlich von Platz 1 sogar auf der Suchmaschine, mit der täglich meine Arbeit beginnt, und den Websites und dem Briefverkehr aus Belgrad fehlt nun der Strom. Abends sehe ich Nachrichten über die neueste Schiesserei im Land, den täglichen Gang-Mord in der Stadt, den Wettbewerb im Schieben von Lastwägen, Rollen von Traktorreifen, und das weinende Gesicht der Wrestler-Schwester, welcher mitten im Akt verstarb und sind Handys nun schlecht oder nicht für Ihre Gesundheit und Gott sei Dank, das Wetter wird schön, die Grillsaison beginnt, Memorial Day. Wo ist der Krieg?