Ad Geister
Sabine Scholl

 

 

 

15.3.1999


 

 

Amerika ist voller Maschinen und Geister. Taxigeister, Busgeister, Polizeigeister, Feuergeister, Zählerablesegeister, Baumschneidegeister, Fünfeinhalbgeister.
Die Welt war einmal so dick von Geistern, daß ich kaum atmen konnte; ich konnte kaum gehen, suchte humpelnd meinen Weg zwischen Weißen Geistern und ihren Autos. Es gibt auch Schwarze Geister, aber sie haben offene Augen und sind voller Lachen, deutlicher als die Weißen Geister.
(...)
Um Essen zu kaufen, müssen wir uns mit den Lebensmittelgeistern herumschlagen, den langen Gängen im Supermarkt voller Einkaufsgeistern. Der Milchgeist fährt seinen Lastwagen jeden zweiten Tag von Haus zu Haus. Wir verstecken uns und sehen zu, bis der Lastwagen um die Ecke gebogen ist, die Flaschen in ihren Kisten klappernd. Dann erst schließen wir die Haustüre auf und holen unsere Milch.
Wir werden regelmäßig aufgesucht vom Postgeist, Gaszählerablesegeist, Müllgeist. Von der Straße wegzubleiben, hilft garnichts. Sie kommen und schauen uns ins Fenster – Sozialarbeitergeister, Gesundheitsamtkrankenschwestergeister; Fabriksgeister, die Arbeiter rekrutieren wollen; zwei Jesusgeister, die früher in China gearbeitet haben. Wir verstecken uns direkt unter dem Fenster, bis der Geist, der nach uns in seiner Geistersprache ruft, so daß wir fast antworten, um seine schreckliche Stimme zu übertönen, aufgibt. Sie versuchen nicht einzubrechen, nur ein paar Diebesgeister. Die Obdachlosengeister und Alkoholgeister nehmen Pfirsiche von unseren Bäumen und trinken vom Gartenschlauch, wenn niemand auf ihr Klopfen antwortet.
Es scheint aber, als könnten die Geister nicht gut hören oder sehen. Eingelullt von nützlichen Pflichten, die sie aus irgendwelchen geisterhaften Gründen verrichten, schließen wir eines Morgens nicht die Fenster, als der Müllgeist kommt. Wir sprechen laut über ihn, zeigen auf seine haarigen Arme und lachen darüber, wie er seine dreckige Hose hochzieht, bevor er seinen Schatz über die Schultern schwingt.
"Schaut, schaut, der Müllgeist holt sein Essen!", schreien wir und plötzlich sieht der Geist uns geradewegs an.

Übertragen aus: Maxine Hong Kingston: The Woman Warrior