Halloween II
Sabine Scholl

 

 

 

1.11.1999


 

 

Wir brauchen uns nicht zu verkleiden, die Wirklichkeit ist schrecklich genug. Wir brauchen keine Masken, um Monster zu sein, lese ich in der Zeitung. Und Vögel, Blätter sinken wasserwärts, der See zieht sich in Wellen ans Ufer, ein kalter Wind reißt die glatte Fläche auf, nur das Licht wärmt, zeichnet scharf die Ränder, bis die Sonne schließlich zwischen Häuser taucht und Figuren im Dauerlauf alleinläßt mit der Kälte, und aus meiner Zeitung fällt der Katalog für Halloween: Kerzen in Form von runzeligen Händen mit Tropfen in der Farbe von Blut, Plastikkleber von Wunden, Einschüssen, Malen von Messerstichen, aufblasbare Fledermausflügel, Schminksets für Frankenstein, Müllsäcke mit Gespenstergesichtern, Skelette in Leuchtfarben, Spinnenringe, Totenkopfsäulen als Kugelschreiber zum Preis von 99 Cents. Ich reiße mich hinein, fülle mich auf mit falschen Fingernägeln, träume Perücken über meinen Kopf, die meine Erscheinung aufgreifen, mitnehmen, ich zeichne mich aus in diesem Spiel der Identität, um die Geister zu vertreiben, die hinderlich sind, fürs Neue. Und ich setze wieder an, nach meinem Verwandeln, gehe aus dem Haus, stimme überein mit den Strohballen, Kürbishaufen im Vorgarten, auf Fensterbänken. Hier in Chicago stellt man die Leichen vors Haus, anstatt sie zu verbergen. Sie halten ihren Platz, während es kälter und kälter wird, schon frieren meine Zehen, und dann setzt Weihnachten ein, das Geschäft, die Rehe, Elche, Rentiere, Schlitten, Engel bauen sich nun auf vor den Häusern, während die Skelette ruhen, bis zum nächsten Jahr, wenn sie auferstehen zum Spaß.

Chicago 99