Zur neunten Ose: Herbstzeitl
Kathrin Schmidt
 

 

 

15.11.1999


 

 

Herbstzeitl ist eine besonders hübsche Ose, wenn auch stark vergiftet von Natur aus und unterm Beschuß der Frühlingsästheten zur Blässe neigend. Vor allem aber: Herbstzeitl ist wild! Kümmert sich einen Dreck um Zucht und Dressur, erwandert auf lila Stümpfchen die Niederungen feuchter südlicher Wiesen, wiewohl sie auch im Norden nicht immer fehlt. Ihr lateinischer Name, Colchicum autumnale, verweist gar auf Kolchis: Medea, die kolchisches Kraut, kolchische Rüben zu zaubrischen Mixturen verrührte. (Oder?) So schnell geht´s vom herbstlichen Wiesenkraut zur Antike hinunter.
Herbstzeitl trägt weitere wundervolle Namen: Spinnblume, Strockenbrod, Nackende Jungfer, Ägidibleamel, Wiesensafran, Lichtblume, Giftkrokus, Hundshode, Spinn- und Michelsblume. So nennen sie die Bewohner jener Regionen, in denen sie hierzulande wächst, während Franzosen Colchique d´automne, Tue-chien, Safran des prés oder Veilleuse ausrufen, erblicken sie die Ose persönlich. Die Italiener begnügen sich mit einem fröhlicen Colchico d´autumno, und die Engländer murmeln Meadow saffron, Mysteria, Naked lady, Wonder bulb, Autumn oder Fall crocus, meinen sie das herbstzeitlose Gewächs. Mehr als zwanzig Alkaloide mischen das Gift meines Lieblings, wobei vor allem dem Colchicin die verheerende Wirkung zuzuschreiben ist, die eintritt, gerät Herbstzeitl ins Essen: Zunächst reizt es den Gastrointestinaltrakt auf´s Teuflischste, um nach der Resorption die Microtubuli zu depolymerisieren. Zellen mit hoher Teilungsrate sind dabei am stärksten betroffen (Darmepithel, Knochenmark), ebenso Zellen mit einer hohen Metabolisierungsrate. Die Blutkapillaren werden schwer geschädigt, und nach der Passion der Blut-Hirn-Schranke wirkt Colchicin zunächst erregend, dann lähmend. Der erwachsene Mensch vergeht an fünf Gramm von Herbstzeitls Samen, ein Kind schon an weniger als der Hälfte. Nach einer Latenzzeit von zwei bis achtundvierzig Stunden ist mit folgenden Symptomen zu rechnen: Koliken, Salivation, Apathie, schwankender Gang, Zähneknirschen, Erbrechen, gelblich-brauner, grünlich-schleimiger oder blutiger Durchfall, Polyurie, Hämaturie, Kreislaufstörungen bis zum Kollaps, Anurie, Hypothermie, Paralyse. Nach einigen wenigen Tagen kann der Tod eintreten (Letalität: 25-50%). Und das alles wird Medea gewußt haben!, während ich es mir mühsam zusammensuchen mußte ... Wenn ich als Kind mit meinem Vater über die feuchten Wiesen des Thüringer Beckens radelte und wir lauthals sangen oder kleinlaut die löchrigen Schläuche des Fahrzeugs flickten, war Herbstzeitl etwa ab Anfang August zugegen und verzog sich erst zum November. Einmal hatte ich eine tote Kuh gefunden in einer Grube, der Geruch hatte mich angezogen und neugierig gemacht, denn in bißchen hoffte ich, folgte ich ihm, auf Hexeneier zu stoßen, die wir so gern aßen. Hexeneier hießen die noch jungen Stinkmorcheln, deren Beschaffenheit mich aber immer eher an Ochsenaugen denken ließ als an Eier gefährlicher Frauen. Wer weiß, wer das Stück Vieh auf dem Kerbholz hatte: Das Alter, ein Rindermörder, die LPG? Mir gruselte so wohlig. Heute denke ich, es könnte auch Herbstzeitl gewesen sein. Herr Dr. Martin Elsäßer von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt Aulendorf empfiehlt folgerichtig, einen Angriff auf Herbstzeitl zu starten, sobald ein Quadratmeter Weide mehr als zwei Pflanzen aufweist. Auf lockeren Böden sollte eine Wiesenwalze zum Einsatz kommen, um die Zwiebeln zu beschädigen und den Boden zu verdichten, damit keine Keimung aus dem Samenvorrat vonstatten gehen kann. Besonders Schäfchen sollten über den Acker gescheucht werden. Schäfchen nämlich schädigen Herbstzeitl durch Tritt und Verbiß. Sagt Dr. Elsäßer. Aber ob es nach dem Verbiß den Tieren noch gutgeht? Regelmäßiger Schnitt im Frühjahr, wenn die Samenkapseln weit genug aus der Erde schauen, kann nach drei Jahren zu einer deutlichen Verminderung des delinquenten Gewächses führen. "Noch günstiger als jährlicher Frühschnitt, ist zweimaliger Frühschnitt in einem Jahr." Aha. Aber: "Möglich ist auch Schnitt der Blüten im Herbst gegen Samenbildung." Außerdem könne man die Pflanzen ausziehen und abtransportieren bei voller Blattentwicklung und bei fühlbarem Erscheinen der Kapseln. Wenn man danach jedesmal die Flächen mit Flüssigmist oder Jauche befahre, sagt Dr. Elsäßer, komme es zum Ausfaulen der Zwiebeln. Naja. Was aber nicht hilft, und das hatte ich eben irgendwie geahnt: Die chemische Keule.
Das hat Medea gedreht, die Colchicin als Gift der Liebe verehrte.