Zur siebten Ose: Wundr & Furunkul
Kathrin Schmidt
 

 

 

13.9.1999


 

 

Wie wunderbar Wundr sich gibt ... Dabei sagt die Literatur dieser heute selten gewordenen Ose Erschreckendes nach:

Wundrose (Erysipel)
- Symptome
- schmerzhafte Rötung, Überwärmung und Schwellung eines Hautbereichs, oft mit zungenförmigen Ausläufern
- Kopfschmerzen, (hohes) Fieber, Schüttelfrost

Die Wundrose, eine Entzündung der Haut, wird durch Eitererreger hervorgerufen. Eintrittspforte für die Keine ist oft eine kleine Verletzung oder ein unbehandelter Fußpilz. Bei der Wundrose im Gesicht kann es zu einer lebensbedrohlichen Komplikation kommen, der Hirnvenenthrombose.

Ärztliche Behandlung
Rufen Sie sofort einen Arzt. Die Wundrose muß mit einem Antibiotikum (meist als Infusion) behandelt werden; Bettruhe und Hochlagerung des betroffenen Körperteils sind nötig.

Selbsthilfe
Bis der Arzt kommt, können Sie die Beschwerden mit feuchten Umschlägen lindern.


Die Ose Wundr mit dem Glutrand, dieser dunkle, geöffnete Zarah-Leander-Mund der Krankheitsgeschichte, hat mir früher einmal die Haut zerbissen: Als ich ein Kindlein war und auch ein Mütlein hatt´. Mein Mütlein war gerade groß genug gewesen, einen großfressigen Klassenkameraden zu Boden zu hauen, da lag ich schon selbst – sein letzter Tritt, eh´er zu Boden ging, hatte meinen Ellbogen getroffen, die scharfe, mit Steinchen gespickte Sohle eines Schuhs hinterließ ein zartes, kaum blutendes Muster auf meiner Haut. In den Tagen darauf verfinsterte sich mein kindgerechtes Gemüt, denn der Ellbogen brannte und blühte, Hitze schlug puckernd an die aufgelegte Handfläche meiner Mutter, bis schließlich tatsächlich kleine Scharlachzungen von der verletzten Stelle aus über den Arm krochen. Ich leckte, verlor trübe Tropfen aus den Spicklöchlein des inzwischen ums Doppelte geschwollenen Arms, schrie sauer und fiebrig vom Bett aus um Hilfe. Die fand ich dann unter Vollnarkose: Man schnitt den Abszeß, der entstanden war, kurzerhand auf. Alles floß, ich erleichterte mich. Ein Wundr.
Natürlich hat die Ose Wundr Schwestern: Furunkul zum Beispiel, auch eine alte Bekannte. Furunkuls Wesen, von Anfang an mir beigegeben wie eine Augenfarbe oder ein Fettpolster, sorgte dafür, daß mein Nacken, die Kehlen der Knie, beispielsweise auch die Armbeugen und die Innenseiten der Oberschenkel – als ich ein Kind war, wohlgemerkt! – in Blüte geraten konnten. Knotige rote Berge wuchsen aus meiner Haut, wurden inzisiert oder platzten, wenn alles gut ging, auch manchmal von selbst. Zuvor aber mußten die Vulkane den Eiter bis an die Oberfläche getrieben haben: Gelbe Kuppeln, die sich dann endlich, beim Zusammenschieben der umgebenden Hautpartien, in merklichen Eruptionen entluden. Das konnte sehr weit gehen ... Zuweilen reichte meine Kraft nicht mehr, den Spiegel zu reinigen. Eines Tages, nach einer Salzwasserkur und einer Belehrung, deren Erhalt meine Eltern quittieren mußten und die ihnen vorschrieb, mit fürderhin vitaminreicher Kost wie Obst und Gemüse meine Gesundung aufrechtzuerhalten, verließ mich Furunkul. Die Ose Trostl hatte darauf nur gewartet, gesellte sich aber nicht mir zu, sondern meiner armen Mutter, an deren Bett sie allabendlich saß und Verzweiflung beförderte, denn Obst und Gemüse waren aller berechenbaren Erhältlichkeit entzogen. Aussichtsl positionierte sich schon in Schwitzkastenhaltung, da gelang es meinem Vater, eine großen Garten zu pachten. Mit ihm kamen Hasenschnauze und Bohnapfel, Gravensteiner und Boskoop in unsere Speisekammer, auf unseren Tisch. Muskatellerbirnchen und Reneclauden, Zwetschgen und Schattenmorellen – die Zeit aller Herrlichkeit war angebrochen, Furunkul endgültig dahin, zum Teufel. Später gingen wir daran, Erdbeeren anzubauen, natürlich Senga sengana. Schwarze, rote und weiße Johannisbeeren, Brechbohnen, Zuckererbsen und Kürbis, Blumenkohl und Patisson, Kohlrabi, Radieschen, Möhren und Petersilie rundeten das Glück ab. Meine Eltern begannen, die überschüssigen Erträge an den Konsum am Ende unserer Straße zu verkaufen oder aber, was sie schließlich viel besser fanden, an interessierte Familien mit Kindern. Handwagen voller Lageräpfel fuhren wir bald von Keller zu Keller, karrten das Fallobst in die Mosterei. Erst als das Beispiel eines seltsames Wesen namens Homunculus (hat nicht Göthen Geburtstag?) uns in der Schule über die Grenzen menschlicher Schöpferkraft aufklären sollte, mußte ich wieder an Furunkul denken – ein äußerlich bleibender Anlaß, ein Gleichklang nur. Auch wenn sich recht bald auf den Gesichtern insbesondere meiner männlichen Mitschüler Gebilde zeigten, die mich an Furunkuls frühen Zugriff auf meine Person erinnerten – ich blieb gefeit, ich hatte es abgehakt. Der wirtschaftlichen Konsequenzen früher Eiterauftritte für meine Familie aber kann ich beschwören.