Zur ACHTen OSE: ENDL
Kathrin Schmidt
 

 

 

17.8.1999


 

 

Die schöne Ose Endl erinnert an einen Dichter. In endlos zu nennenden Texten schwadroniert der Kerl durch die Zeiten. Seit ich ihn erstmals wahrnahm, klebt etwas wie Verehrung in meinem Blick, der sich, ich gebe es zu, dadurch gelegentlich trübt. Das gefällt mir. Ich lasse mich gern überreden. Endlos geraten seineTexte vor allem dadurch, daß sie keinen Anfang haben. Vor- und Nachhut seiner in die Kämpfe geschickten Worttruppen muß man sich denken können, dann gibt es ein herrliches Durcheinander. Ein Beispiel:


Die Säkulär-Sauftour Bubi Blazezaks/
Tagebuchblatt und Prosafragment
I
Tagebuchblatt
"Wanzen" // Immer wieder beim Besuch in fremden Wohnungen der schon gewohnheitsmäßige forschende Blick zum meist blätternden Plafond, zu den Buckeln der Tapete, auf die Dielenritzen hinunter - gibt es irgendwen, der nicht weiß, worauf ich hinauswill? -, das Stirngerunzel und fragende Augenzwinkern schließlich, das vom Gastgeber oder "Wohnungsinhaber" wissen möchte: "Mh, ob es hier irgendwo `Wanzen´ hat ...? - Deutscher Alltag 1981! - Die Antwort nicht selten (sinngemäß): "Nehm´ ich doch an ... Meine Frau und ich gehen jedenfalls davon aus ... Ach, sollen sie, sollen sie doch ... Der Lauscher an der Wand ..." - Doch sogar in der eigenen Fluchthöhle und Nischen-Nische ertappt man sich trotz aller Gewöhnung ans "vivere pericolosamente" mit schöner Regelmäßigkeit dabei, daß man den grüblerisch-verträumten Blick zu den Steckdosen, zu den Lampen und in die sieben dank einer sagenhaften Zettelwirtschaft (und Zeitungssammelei) unzugänglich gewordenen Schmoll- und Schmuddelwinkel des Raums wandern läßt: "Wie kommt es, daß der X. gestern gewußt hat ...? Das geht nicht mit rechten Dingen zu ... Irgendwo steckt garantiert ´ne Wanze - im Gummibaum?, hinter den Bücherreihen vielleicht?, in den alten Jahrgängen der Einheit?" ... -//- ... und manchmal findet man die Dinger, die "Wanzen" auch, hat sie ergriffen, ehe sie ausgeschlüpft und weggehüpft sind, und zeigt sie im Bekanntenkreis mit dem Stolz des erfolgreichen Jägers grienend herum; vor einer Weile ist das ein paar Stunden vor dem Beginn einer Lesung bei den Poppes in der Rykestraße geschehen, und es ist beleidigenderweise eine Abhörwanze "der älteren Bauart" gewesen, wie mir der Kenner und Wanzen-Fan Gerd Poppe erklärt hat, von scheuer Hand ausgesetzt auf dem kieselbestreuten Dachboden zu Häupten des erwarteten Dichters - Poppes wohnen selbstverständlich im fünften Stock -, welcher augenblicklich den Anfang seiner als Pseudo-Referat präsentierten Erzählung Tod in Crimmitschau entsprechend korrigiert und erweitert hat; andere "Wanzen" mögen mitgehört haben, als ich anhub: "Meine Damen und Herren, liebe Freunde meiner Dichtkunst und meines Altersstils, nicht zuletzt auch du, unsere gute alte fette Oma Wanze! Ein Stück Konterpropaganda ist es - na gut, nicht ausschließlich! -, wenn ich an diesem verschwiegenen, vom Üblichen weggewinkelten Ort neuerlich feststelle, übrigens nun wirklich zum letzten Mal: Bubi Blazezak, Zentralfigur der ersten Bände meines Romanwerks, hat die Gaststätte ODERKAHN, welche vor kurzem den Autor vollkommen grundlos mit Lokalverbot belegt hat, wenigstens zu seinen Lebzeiten niemals betreten ..."
(Undsoweiter; und zwei bis drei Stunden lang und wahrlich "politischer", als es der Anfang vermuten lassen könnte; und geradezu leitmotivisch und akzentuiert immer mal wieder unserer "Oma Wanze" entgegen gereicht!) Alle in Poppes kleiner Wohnung zusammengepferchten 100 oder 120 Zuhörer, darunter der ob meiner clownesken Spaßeslust vermutlich einigermaßen verblüffte Robert Havemann, sie alle werden bestätigen können: Es wurde die sagenhafteste "Lesung", die man sich denken kann - vielleicht nicht zuletzt dank der befeuernden Anwesenheit der einen oder anderen "Wanze", der man ziemlich sicher sein konnte, wie auch der ignoranten Haltung ihrem sonst oft lähmenden magischen (wenn auch unsichtbaren Blick gegenüber. -/- Leider gelingt so etwas in letzter Vollendung nur ein einziges Mal; jede Wiederholung muß ohne den Zauber des frech und "umwerfend" Improvisierten bleiben.
(aus: Adolf Endler: Tarzan am Prenzlauer Berg. Sudelblätter 1981-1983. Leipzig 1994, S. 27-29)

Ach ja, so war´s. Es gibt Tage, da lach´ ich mit Endl über alte Geschichten. Gerade kamen mir einige lose Blätter ins Haus: Mein Ausgegaucktes. Neueste Nachrichten aus der Vergangenheit sozusagen. Wirklich nett urteilten die Informanten damals - 1982 - über mich: "Die zu Ermittelnde verfügt über keine eigenen Möbel und sie lebt entgegen anderslautenden Gerüchten ... in geordneten Verhältnissen. Sie und auch die Freundin wohnen nicht mit Personen männlichen Geschlechts zusammen und die Kinder machen auf die Quellen einen gepflegten, intelligenten und sehr gut erzogenen Eindruck. Die Person hat kein erwähnenswertes Eigentum und ihre finanziellen Verhältnisse gelten als nicht rosig, aber geordnet. ... Die Person ist sprachbegabt (Russisch, Englisch) und spielt auch Klavier. Ihre Eltern sind parteilos. ... Bisher vertrat die Sch. wie bereits erwähnt, jederzeit ihren progressiven Standpunkt, lehnte aber auch immer aus einer falsch verstandenen Emanzipation heraus die Ehe ab. In Diskussionen vertrat sie den Standpunkt, nicht verheiratet sein zu müssen, um einen Mann lieben und ihre Kinder großziehen zu können. Sie gilt als arbeitsam und fleißig, denn sie fand neben der Fahrt zur Arbeit, dem Beruf und den Kindern noch die Zeit, sich mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit zu befassen. Sie fällt durch ihre Kleidung (lange Kittel, Sandalen, hippieähnlich), welche sie auch auf Grund ihrer molligen Figur wählt, auf, wobei unter dummen Bemerkungen ihr Selbstbewußtsein nicht leidet. ... Ein Hobby besteht in der Form des Schreibens von Gedichten. ..." Tja, Herr Hauptmann Scheffczyck, welches war denn Ihr Hobby?
Mitten in den Spaß hinein aber kam, auch dieser Tage, ein Anruf: Ein Spitzel meldete sich, nach nunmehr 18 Jahren und -angeblich? scheinbar?- aus Gründen, die weder mit der damaligen Schnüffelei, der Ausübung der Spähpflicht sozusagen, noch mit der Übersendung der Schnüffelprosa an meine Person zu tun haben. Wat nu? Warum jetzt? Sollt Endl am Ende nicht nur in den Schnipselsäcken der Behörde, in den Kellern des BUNDESBEAUFTRAGEN FÜR DIE UNTERLAGEN DES STAATSSICHERHEITSDIENSTES DER EHEMALIGEN DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK ein Auskommen haben, sondern sogar, ein frisches Lied auf den Lippen, die alten Kumpels auf dem laufenden ...? Nein, nein, soweit wollen wir doch nicht denken. Manchmal reift einfach die Zeit hinter Endl heran, der alten Ose, tritt hervor und macht Männchen, und dann kommen die alten Pappkameraden zum Abschlußrapport, ehe sie im Orkus verglühn. So will ich denken.
Endl aber geht einfach weiter, nie vorbei.