Zur FÜNFTEn OSE: LEBL, BRÜCKENKOPFL & CO.
Kathrin Schmidt
 

 

 

19.7.1999


 

 

Lebl klebt mir an der Innenseite des Schädels, macht eine neue, den Liquor am Auslaufen hindernde Membran, sagen wir, überflüssig, jetzt, wo der Krieg einschlug. Sowieso haben wir es im Ganzen nicht mehr mit Membranen zu tun, nicht mit semipermeablen Vergrenzungen oder Friedensmissionen, osmotischen Druckausgleichsvarianten oder dem Heulen der Herzausgangssirenen. Endlich ist alles, wie es sein muß, Joschka und Bill haben ihre Hofschießerei, und während wir drinnen in der schönen Europaschule B-A-L-K-A-N buchstabieren für die ewigen Sitzenbleiber, schlagen die Überflieger Brückenköpfe in Feindesland. So, sagt das eine Kind, muß es 39 auch ungefähr gewesen sein in Berlin, als noch niemand wußte, was kommt. Aber weil wir wissen, was kommt, ist es eben nicht wie 39, sagt das andere Kind. Ich höre sie vom Zimmer aus, in dem mein Computer steht. Lebl macht sich bemerkbar und schickt ein paar Bilder ins Netz, die ich nicht abrufen mag. Empathie, sagt die heutige Zeitung, können wir uns eben leisten, andere Kulturen bei Strafe des Untergangs nicht. Ich lese das laut.
Neben Lebl marschiert Kopfl, auch nicht schlecht, über die Flure der schönen Europaschule. Alle Kinder müssen nun aufpassen, daß sie nur ja an den Wandzeitungen kleben bleiben, nicht daß noch Kopfls fehlender Teil die Treppen hinabkullert. Schlechte Zeiten haben wohl Herzl, Witzl und Mitleidl, während Mim sich am besten ganz raushält. Matrosenh, schon hier und da zu sehen, wartet noch ab, was zu Lande geschieht. Aber Ziell hat es gut: Sie geht im Gewand ihres Gegenteils durch die giftige Luft von Pancevo.
Endlich, eingekeilt zwischen Ziell und Witzll, ganz unscheinbar, ist nun Brückenkopfl zu sehen, Beherrschbild: Brückenkopfl übt Leiden, weil es das andere Ufer wohl doch nicht erreicht, die Menschenrechte ganz universell und ungefähr schnell den slawischen Rachedrachen ins Stammhirn zu kritzeln. Mit Pontons ist das nicht so einfach, wie Brückenkopfl längst weiß ...

Machen wir´s kurz: Arme Europaschule.