Zur VIERTEn OSE: TEER
Kathrin Schmidt
 

 

 

17.5.1999


 

 

Sie duftete betörend durch meine ländliche Kindheit, kletterte über die großdörflichen, kleinstädtischen Zäune, über die Eingangstür meines Elternhauses, ein gelber Rausch, in den ich meine Nase steckte, um den Kopf voll zu bekommen davon. Dann ließ es sich noch besser sitzen unterm geöffneten Fenster der kleinen Holzkirche, die – so war es! – im elterlichen Garten neben dem Erdbeer- und Grüne-Bohnen-Beet aus der Erde stieg, und die zu betreten mir von meinen atheistischen Erziehungsgewaltigen verboten worden war. Vielfach und unter Androhung schärfster Strafen. Das Haus, in dem ich aufwuchs, war nämlich einmal ein Mädchenpensionat gewesen. (Dort habe ich Desinfektia, die Göttin der Schwesterlichkeit, erstmals kennengelernt, deren Hang zu Reinigungsorgien auch meine Eltern in immer neue Abenteuer mit ATA und IMI trieb.) Zu einem richtigen Mädchenpensionat gehörte eine richtige Kirche, und als die Mädchen längst nicht mehr in diesem meinem Elternhaus ausgebildet wurden, denn wir hatten ja dann eine DDR mit einem Selbstverwirklichungsanspruch Unserer Lieben Frauen und einer dem Hausputz vorgeschalteten Voll-Berufstätigkeit derselben, da stand das Kirchlein halt immer noch und wurde bespielt von einer kleinen evangelischen Gemeinde. Mit sonntäglichen Gottesdiensten und montäglichen Christenlehrestunden, Konfirmandenunterricht und Erntedankfesten. All das vermochte mich mehr zu beeindrucken als jede Volksbildungsmaßnahme der DDR, denn: Das Fenster stand immer offen. Drunter saß ich, zur Teerosenzeit wie oben beschrieben betäubt, und litt mit dem gestraften Absalom, sah Ruth die Ähren vom Feld lesen und herzte gar das Jesuskind. Nachts kam es vor, daß Jesus durch einen Spalt in der Hauswand, der sich neben meinem Bett befand, in meinen Schlaf drang, ich in hysterischen Krämpfen mich nach ihm verzehrte, mit vierzehn ins Kloster wollte oder, wenn das schon nicht ging, so doch allemal vollständig grau und schmucklos gekleidet, mit kurz geschnittenem Haar, an der Jugendweihe teilnehmen, die mich statt dem Herrn Jesus dem Fräulein DDR vermählen sollte. Meine biblische Bildung überstieg das den sozialistischen Lehrern geläufige Maß, die Eltern schämten sich, denn sie hatten es doch verboten ... Ohne die OSE TEER in ihrem unnachahmlichen Duften wäre manches anders gekommen.
Sie ist aber ein ausgebufftes Vexierspiel: Während sie gelb durch die Kindheit dröhnt, zeigt die Ose später ihr stinkendes Schwarz. Als mein drittes Kind gerade geboren war, wir hatten unsere erste Wohnung in einem Berliner Neubaugebiet bezogen, das sich noch mitten im Aufbau befand, fiel vor unserer Haustür ein kleiner Junge kopfüber in ein nachlässig abgestelltes Teerfaß. Es war zur Teerosenzeit. Auch ich kam nicht nur mit dem Schrecken davon, das Kind aber gar nicht. Ich träum es noch heute, stelle manchmal eine stark duftende Blüte ins Fenster für den Jungen, dessen Namen ich nicht einmal kannte, und denke an TEERs frühe, unschuldsvolle Erscheinung.