Zur DRITTEn OSE: LOTTERIEL
Kathrin Schmidt
 

 

 

3.5.1999


 

 

LOTTERIEL gibt sich als schwangerer Fisch, aufgeblasen durchschwimmt sie die Wimperntrichter der Spieler, geht ihnen ins Innere, wo alles immer schwangerer zu werden verspricht mit diesem Tier mittendrin. Magen und Galle ahnen für den Gewinnfall ein Höchstmaß an Arbeit, auch Leber und Niere wissen, woran sie dann sein dürften. Auge und Ohr machen schon immer mal ein wenig blau, und Hand und Fuß, draußen, berühren sich gegenseitig verstohlen.
LOTTERIEL hat schon manchen arm gemacht. In den allermeisten Fällen übrigens, ohne ihn zuvor reicht gemacht zu haben. Aber selbst dann, wenn LOTTERIEL die erhoffte Million ins Haus drückt, tritt oftmals Armut das Erbe an. Siehe Herrn X und Frau Ypsilon. Auch mein eigener Bruder, der einmal in einer DDR-Lotterie namens Telelotto einen Hauptgewinn verbuchen konnte, brachte es damit zu nicht viel mehr als zu einem Klavier für seine Schwester (das bin ich), einem rostigen Auto für seinen Bruder (der auch mein Bruder ist) und einer Musikanlage, die ihm ob semiprofessionellen Betreibens in einer DDR-Diskothek einen bleibenden Hörschaden eintrug. Auf einem Ohr völlig ertaubt, hat er mit der verbliebenen Hörfähigkeit des anderen Mühe, die Ansage der Gewinnzahlen zu vertehen. Trotz allem tippt er und bingot und hofft auf neuerlichen Gewinn. Ist so das Leben?
Apropos YPSILON: Anfang der 90er machte eine gleichnamige ZEITSCHRIFT AUS FRAUENSICHT Furore, indem sie hielt, was sie versprach: Hatte sich doch eine Anzahl Frauen allen Ernstes an die Verwirklichung des Spaßes gemacht, sich ein eigenes Blatt zu leisten und auf dem (im Osten) damals noch jungfräulich ungesättigt daliegenden Markt zu etablieren. Allerdings reichte das Geld entweder für die Herstellung des Produktes Frauenzeitschrift oder für deren Vertrieb. Da nur vertrieben werden kann, was zuvor produziert wurde, entschieden sich die Frauen für die Produktion und hatten das Schicksal des schönen Kindes damit leider besiegelt: Es ging recht bald ein, weil es potentielle LeserInnen nicht erreichen konnte. Zum Glück erschienen einige wunderschöne Ausgaben. (Man mag mir diese Aussage verzeihen, ist sie doch durch die Tatsache, daß auch ich eine der Produzentinnen war, dazu angetan, ein stinkendes Eigenlob zu sein...) YPSILON war ein typisches Produkt jener Zeit, denn die Stasi war maßgeblich daran schuld: Der Verlag, in dem YPSILON ediert wurde, der Basis Druck Verlag Berlin, hatte mit einem Titel namens "Ich liebe Euch doch alle" einen ersten kommerziellen Erfolg gelandet und sah mit dem Gewinn die Möglichkeit, den Frauen, die wir damals waren, die Zeitschrift zu gönnen. (Das Buch enthielt eine Sammlung von Stasidokumenten des Jahres 1989, der Titel entstammte dem Gestammel eines gewissen Herrn Erich Mielke auf einem seiner letzten öffentlichen Auftritte als Oberster Absicherer der finalen DDR-Verhältnisse.) Vielleicht gibt es in einigen Bibliotheken oder Archiven Ansichtsexemplare? Vielleicht kann sich, wer daran interessiert ist, sich auch beim Verlag noch die eine oder andere Ausgabe besorgen? So schnell sollte YPSILON nicht vergessen werden... Leider konnte auch Lotteriel nicht mehr helfen, die wir schließlich bemühten, dem Ende des Projektes YPSILON zuvorzukommen. Wir tippten, leider daneben. Die Million, die wir gebraucht hätten, verfehlte uns.