Zweite Ose: Osm
Kathrin Schmidt
 

 

 

11.2.1999


 

 

I

wir befinden uns im belagerungsabstand im summenden
ausseelungskampf nur die gedrechselten
redenswaffen haben zum glück zu schweigen begonnen
noch tickt der impulsverstärker im reizleib ein fremdwort
tritt auf daß endlich aller tage abend erscheint auf dem schirm
bin ich so frei ein launiges übel ins bild zu verschleppen
bis nichts mehr hält der grenzrahmen bricht indes ich noch einige
stille sekunden zu leben versuche wie immer dann falle
ich fingergliedfern liegt der mann den ich zu lieben versuche wie immer
wir schlafen dann manchmal geht ein stück nacht dazwischen
wenn wir uns blindstechen wollen manchmal geht das stück
nacht auch hinweg über uns und wir merken nicht mehr
daß wie früher dein flüssigsein meins durch die poren herschwitzt
daß noch das trennen der ehemals beinah verwachsenen
körper süße absondern kann

 

II

da kann ja kein mensch mehr stehen mit seinem gewehr wo die
grenzlinien übereinanderfallen und kein dazwischen ist und kein wort
seine färbung dem anderen überläßt
er aber stehn soll mit seinem gewehr und die wortfarben wechseln und
zwischen den linien einen raum auftun für einen postenturm und
ein nachtsichtgerät und einen sehr langen atem
der nicht seiner ist und den er nicht üben kann ohne nachsicht und ohne
daß ihn ein anderer mensch zwischen die beine nimmt zwischen die arme zwischen
den linien die dann einfach mal eine weile ohne ihn auskommen müßten
und seinen posensturm und sein nachwichsgerät daß er dann gar nicht mehr
wüßte was eigentlich dran ist an seinem gewehr und dem schuß den er löst
um seinen verstoß zu vertuschen gegen die geltende regel daß da wo zwei linien
übereinanderfallen kein raum sein kann