(Januar) Zur ersten Ose: Obdachl
Kathrin Schmidt
 

 

 

11.2.1999


 

 

Ich habe ein Haus gebaut und pünktlich zum Jahreswechsel bezogen. Man sollte mich nun für gut behaust halten, doch fühle ich mich seltsam exiliert und ohne Obdach, mattgesetzt gar mit einem familiären Neubau, einem Fertiggericht aus Pappe, Holz und Verschuldung. Wenigstens stecken wieder die Kabel in den dafür vorgesehenen Löchern, und wenigstens kommen die Osen zwecks Trost oder Aufruhr und sprechen das Ihre. (Sagte doch neulich Ose Ruhel zu Ose Lustl: Wie können wir beide nur so gleichzeitig in einer Person zugange sein und einander ein Schach halten! Laß mich gewinnen. - Ich fand das fair, erklärte es doch, warum Ose Kraftl mich zu beherrschen schien seit einigen Tagen: Sie zog ihre Dominanz aus dem schwächenden Kampf der beiden Kontrahenten.)
OSE OBDACHL kam zum ersten Mal, als ich noch das frische Bauwerk mir schönreden wollte in hehrem Ton. Nistete sich ein in meine Rede, machte sie wächsern und schwerfüßig zugleich. Was unter ihrem Namen dann auf den Monitor trat, entlarvte sich schnell als abgebrochenes Sprechen in fremder Person (I). Ich gab sie verloren.
Später gebärdete sich ihr zweiter Teil in ziemlichem Wüten: Der Aufbau des Hauses war mit dem Abriß der Liebesbeziehung zusammengefallen. Trostlose Lage. OSE OBDACHL wollte nicht deutlicher werden und schlug sich ins Expressive, die Bremsen angezogen. Ich habe sie dabei beobachten und aufnehmen können (II).
Als schließlich zum dritten Mal OSE OBDACHL auf den Plan trat, schwammen die Schränke im Keller in eingetretenem Schmelzwasser, schien die Katastrophe auch aus sich selbst heraus perfekt. Ein Haus auf tönernen Füßen. Ein Einbruch. Eine Schlammlawine. Jetzt bloß die dreckige Wäsche drinbehalten, daß nicht die Nachbarn noch ... Jetzt bloß den Schrei steckenlassen, daß nicht die Kinder noch ... Ein Kehllaut, ein Gurren (III).