Die zwölf Osen
Kathrin Schmidt
 

 

 

11.2.1999


 

 

Vor der sogenannten Wende des Jahrtausends sollten zumindest noch die Osen das Licht des Bildschirms erblicken dürfen. Ich habe sie lange schon in meinem Kopf beobachten können, wie sie miteinander umgingen als Verschworene, wie sie immer neue Geschwister hereinholten unter mein Schädeldach. Mitunter blähten sie sich wie unter Hefezusatz, daß mir das dröhnende Quellen ins Blut schlug. Mitunter gaben sie auch nur kleine spitzzahnige Mäuseproben ihres Könnens, daß nichts als Lachen übrigblieb. Ihre Selbstgerechtigkeit hat mit oft überrascht: Wie sie sich gegen mich wandten beim leisesten Einwand, ihre Allgegenwart betreffend in meinem Leben. Nun will ich sie loswerden, ehe noch das Jahrtausend sich rundet. (Die Ose Zeitl gab mir zu verstehen, daß "Wende" in diesem Zusammenhang eher falsch gewählt sei ...)
Ich sah früher einmal der ärmlichen Mutter eines Mitschülers beim Anzug-Wenden zu: Der verwetzten Jacke wurden die Ärmel an den Nähten ausgelöst (wie einem toten Karnickel die Vorderläufe, mußte ich denken) und später seitenverkehrt und mit der Stoffunterseite nach außen wieder eingefügt. Zuvor waren die speckigen Stellen mit einer Stoffhilfe unterfüttert worden, daß sie nun, nach der Wende nicht sofort aufplatzten und die Mühe der Frau zu einer vergeblichen machten. Die Unterschiede zwischen Ober- und Unterseite des Stoffes versuchte die Frau zunächst mit schwarzem Malzkaffee zu verwischen, und als das nicht gelang, tauchte sie die Jacke kurzerhand in ein Farbbad. Mein Mitschüler Hartmut trug die Jacke dann wohl noch ein dreiviertel Jahr, niemandem war die sorgfältige Wendung aufgefallen. Sicher war das einerseits gewünscht, andererseits aber befriedigte mich, die ich den schwierigen Akt des Erhalts miterlebt hatte, durchaus nicht, daß die Arbeit der Mutter so ganz unbemerkt blieb.
Wie ein Jahrtausend wenden? Weit nach links oder rechts weisende Jahrhunderte auslösen, umkehren, seitenverkehrt dem Ganzen wieder einheften und auf Zukunft hoffen? Die dann womöglich nur ein dreiviertel Jahr dauert ... Zeitl hat es gewußt: Der Akt des Erhalts würde aller Wahrscheinlichkeit nach sogar unbemerkt bleiben, solange er von einer Frau vollzogen würde.
Fazit: Dann wenigstens die ZWÖLF OSEN als Stoffhilfe unter die verwetzten Spruchstellen heften dürfen. Wenigstens das.