Gladiatoren
Urs Richle
 

 

 

25.5.1999


 

 

Der auf NULL entfachte Streit über die Frage, ob die Nato-Luftangriffe im Balkan gestoppt gehören oder nicht, ähnelt in erschreckender Weise einer Art Schlagschatten dieses Krieges: als würde sich bei einzelnen Autoren die Frustration darüber, bei den Ereignissen selbst nicht mit dabei zu sein, in der Reproduktion des Krieges in den eigenen Reihen mit anderen Mitteln niederschlagen; wie Kinder, die Rambo III im Sandkasten nachspielen.
(Ähnliches spielt sich zur Zeit in den französischen Medien um die von Régis Debray ausgelöste Debatte ab.) Und irgendwie scheint es geradezu eine Sucht von manchen Autoren zu sein, sich immer wieder Felder auszusuchen, um die unterschiedlichsten Kämpfe nachzustellen oder in Scheingefechten auszutragen – was traditionellerweise ja auch zum klassischen Bild des europäischen Schriftstellers gehört.
Aber vielleicht brauchen wir tatsächlich solche Spiele, um später und in aller Ruhe darüber nachdenken zu können. Vielleicht brauchen wir Autoren, die sich zu Gladiatoren wandeln und in der Arena für uns den Kampf austragen, uns - obwohl oft an anderer Stelle und von kompetenteren Leuten, dieselben Informationen fundierter und objektiver zu haben sind – die Parteien und ihre Waffen vorführen, dabei unsere Schaulust stillen. Es ist ja auch so komfortable, von sicherem Sessel aus anderen beim Kampf zuzuschauen, diesen zu kommentieren, am Bildschirm obendrein, als wäre es ein Fussballspiel. Dass es nun der Krieg im Balkan ist, an dem sich die Streiter messen, zeigt nur das Mass der Verunsicherung und der Verletzlichkeit aller Beteiligter (Streiter wie Zuschauer) an dieser Stelle. Aber eigentlich ist damit nichts gewonnen ausser einem neuen Spiel, das uns über die Übersättigung (das Brot) hinwegtröstet und in diesem Fall in fast zynischer Weise sogar noch unterhält. Bleibt die Hoffnung, dass es nicht nur beim Spiel bleibt, sondern dass wir, nachdem dieses wie alle Spiele irgendwann einmal langweilig geworden ist, uns mit den Konsequenzen der Realität auf dem Balkan vor der eigenen Haustür auseinandersetzen und vielleicht und hoffentlich in nicht all zu ferner Zukunft einmal einen Hauch dessen verstehen werden, was sich im letzten Jahr dieses Jahrtausends unter dem nördlichen Sternenhimmel abspielt.