Rap Pur
Urs Richle
 

 

 

5.4.1999


 

 

Wir strecken den Arm aus zwischen die vorbeifahrenden Autos und bleiben
einen Augenblick so an der Ecke stehen, bis eines dieser gelben Taxis neben
uns an den Gehsteig geschossen kommt wie ein herangepfiffener Hund. Wir
steigen ein und nennen eine Strassennummer, versuchen den Zungenbrecher des th hinzukriegen, bis der Fahrer nickt. Wir wollen über den Est River nach
Brooklyn, und ausserhalb Manhattans kennen sich die Fahrer nicht mehr aus,
werden unsicher und orientierungslos. Kaum haben wir die Williamsburg
Bridge passiert, dreht unser Chauffeur bei jeder Abbiegung den Kopf und
fragt: That's right?. Wir lesen die Schilder und lotsen ihn auf den
Brooklyn-Broadway, steigen aus und stehen unter einer Subwaybrücke. Die
Party ist ein Tip eines Freundes eines Freundes eines Freundes, und wir
müssen den Broadway mehrmals rauf und runterlaufen, bis wir Leute aus einer
Türe heraustreten sehen, eine kleine beleuchtete Glastür zwischen den
heruntergelassenen, mit kiloschweren Schlössern zugesperrten Geschäftsläden. Leute sitzen auf dem Boden, an der Bar wird Bier und Wein ausgeschenkt. Das Mikrophon steht hoch aufgerichtet unter einem grünen Spot, ein Stuhl, eine Gitarre. Die Fensterfront ist durch die Stahlträger der Subwaybrücke zugebaut, alle zehn Minuten kracht und donnert ein Zug vorbei, bremst, hält an, fährt wieder weg. Dann stellt sich Jessica Care Moore ans Mikrophon und beginnt. Die Texte kommen heruntergesagt wie der Abschuss ganzer Gewehrladungen. Eine Mischung aus aufgesagtem Gedicht und durchtrainiertem Rap. Dazu ein paar Gitarrenklänge und Zwischenrufe ihres Begleiters durchs Mikrophon, Yeah's von allen Seiten aus dem Publikum. Wir sitzen am Boden, niedergeschmettert von dieser Wucht, dabei ist sie eine zierliche Frau, schlank, fast unscheinbar, nur das Haar wuchert wie ihre Sprachgebilde – rhythmische Wortreihungen in diesem völlig unverständlichen Englisch. Ausser einzelnen, abgesetzten Wörtern, manchmal einem ruhig dazwischen geschobenem Satz, Erklärungen und Erläuterungen zu den auswendig präsentierten Texten, verstehe ich nichts, Sprache als reiner Klang und Rhythmus, und die direkte Verbindung zum Körper. Hin und wieder kurzes Blättern in einem Zettelhaufen, einmal eine paar Seiten aus einem Buch, dazwischen Einschübe ihres Begleiters Saul mit eigenen Texten, dann wieder sie mit geschlossenen Augen und wiegenden Armen, winkenden Händen im Rhythmus der Wortschwaden, und ich erinnere mich an den Besuch einer Gospelmesse in Harlem vor Jahren, finde dieselben Bewegungen, Gesten
wieder, das Wiegen des Kopfes beim Sprechen, das Beben des ganzen Körpers, die Zwischenrufe aus dem Publikum, die tranceartigen Äusserungen und Bewegungen, während wir und auch andere Weisse (die hier für einmal in der Minderheit sind) steif am Boden sitzen und hypnotisiert auf dieses Schauspiel starren. Ich bin nicht der einzige, der von diesem Auftritt beeindruckt ist, andere gestehen es nachher ebenso, ungefragt. Wir trinken ein paar Biere, hören uns den aufgelegten Hip-Hop an, reden dies und das und ich erinnere mich an ein Interview mit Philip Roth zu seinem "Amerikanischen Idyll", der auf die Frage, was er an Amerika denn möge, sagte: Die Sprache, die Tatsache, dass so viele Menschen über ein Instrument verfügen, mit dem sie miteinander kommunizieren können, das Recht, dazu zu gehören, eine Form von Demokratie. Und irgendwie leuchtet mir diese Idee ein, bloss, was soll man als Europäer dazu sagen, als
Schweizer obendrein, der eine Sprache spricht, die man nicht mal schreiben
kann und die knapp fünf Millionen verstehen (gerade mal ein Bruchteil der Stadt N.Y.)? Was mag ich denn an Europa? Die Tatsache, dass auf so kleinem Raum eine so grosse Vielfalt von Sprachen möglich sind? Das Recht, anders zu sein – eine andere Form von Demokratie? (Obwohl Europa von diesem Ideal zur Zeit ja wieder weit weggerückt ist und es vielleicht noch lange nicht lernen wird, den Frieden wirklich für alle zu garantieren.) Aber vielleicht liegt in den Sprachen tatsächlich ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Amerika und Europa, und wenn ich hier in den Zeitungen die Ausgehtips lese, werden nicht selten Clubs, die etwas Spezielles oder Originelles aufzuweisen haben, mit european-like bezeichnet und empfohlen. Plötzlich sticht in dieser allumfassenden Gleichmacherei etwas heraus, was anders ist, unvorhergesehen, interessant. Und das Anderssein ist ja auch gerade die Kraft der afroamerikanischen Kultur.
Vor dem Fenster donnert wieder eine Subway vorbei, der Raum beginnt sich zu leeren. Auf einem Kanapee schläft ein kleiner Junge, Jessica streicht ihm über das Haar und räumt ihre Blätter zusammen. Ein paar Wenige beginnen zu tanzen. Es ist drei Uhr morgens und wir fahren im Taxi über die Williamsburg Bridge zurück nach Manhattan, durch die vor Leben strotzenden Strassen. Auch wenn N.Y. die Stadt ist, die niemals schläft, irgendwann hängt man zurück, scheidet aus und das Rennen geht ohne uns weiter.

MANHATTAN 4/4/99